Der Mann ohne Maske

16. Juli 2008, 18:17
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Geremek war ein unerschütterlicher Europäer, der mit seinem großen internationalen Ansehen den Weg Polens in die Nato und die EU geebnet hat

Es gibt kaum einen osteuropäischen Intellektuellen und zugleich Politiker, dessen Tod eine solche weltweite Welle der Trauer ausgelöst hätte wie der tödliche Autounfall des polnischen Historikers und Ex-Außenministers Borislaw Geremek. Der Lubliner Erzbischof Jozef Zycinski sagte zu Recht: Wenn man die heutigen Konflikte unter Politikern ansieht, könnte man sagen: "Lieber Gott, möge es in der Zukunft neue Geremeks geben."

Jeder, der den bärtigen, stets eine Pfeife rauchenden Historiker der Armut im Frankreich des Mittelalters kennen gelernt hat, konnte den Worten des Alterzbischofs von Danzig, Tadeusz Goclowski, zustimmen: Geremek sei eine kluger, vernünftiger, sachlicher Mensch gewesen, der "nie einen Konflikt mit den anderen anstrebte."

Diese Zitate der Kirchenfürsten zeigen den besonderen Platz, den dieser Sohn eines Rabbiners, dessen Eltern von den Nazis umgebracht worden sind und der von polnischen Bauern versteckt und gerettet wurde, in der Geschichte seiner Heimat einnimmt. Nach seiner kommunistischen Studienzeit wurde Geremek an der Seite Lech Walesas einer der geistigen Wegbereiter der großen Streikbewegung im August 1980 und dann zweifellos der Hauptarchitekt jenes runden Tisches, der 1989 den friedlichen Übergang zur parlamentarischen Demokratie und zur freien Marktwirtschaft ermöglicht hatte.

Ich habe Geremek in den frühen 70er Jahren durch einen polnisch-amerikanischen Freund im Woodrow Wilson Center in Washington D.C. kennen gelernt und ihn dann auf vielen internationalen Kongressen getroffen. Insgesamt zweieinhalb Jahre hat er in kommunistischen Gefängnissen verbracht. Doch blieb dieser aufrechte und gradlinige Mann ein Vertreter der Versöhnung und nicht der Rache.

Geremek war ein unerschütterlicher Europäer, der mit seinem großen internationalen Ansehen den Weg Polens in die Nato und die EU geebnet hat. Mit aller Schärfe kritisierte Geremek, der seit 2004 dem EU-Parlament angehörte, den nationalistisch-rückständigen Kurs der Kaczynskis und die Verweigerung der Unterzeichnung des Lissabon-Vertrages durch Präsident Kaczynski. Trotz seines späteren Bruches mit Walesa hatte er zusammen mit anderen Weggefährten den Helden von Danzig gegen Agentenvorwürfe in Schutz genommen.

Geremek war ein zutiefst liberaler Mann, der die Kunst der geschmeidigen Lügen und den abrupten Frontwechsel der postkommunistischen Wendehälse stets verachtet hat. Ob Außenminister (1997-2000), ob Vortragender oder Zuhörer ist der polnische Historiker, in welcher Funktion immer, ein offener, freundlicher Brückenbauer , ein liberaler Europäer geblieben. Dass der Vorschlag ihn nach der Erweiterung zum Präsidenten des Europaparlaments zu wählen, durch die kombinierten Intrigen der sozialistischen und konservativen Parteibürokraten vereitelt wurde, gehörte wohl zu den verspielten Chancen beim Bau eines neuen Europa. Zur Zeit des großen Ausverkaufs der europäischen Werte und des Aufstiegs stromlinienförmiger Opportunisten fallen die Masken der Politiker von Berlin bis Warschau, von Wien bis Budapest. Bronislaw Geremek trug nie eine Maske. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2008)

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