Atomare Renaissance: Ein Ablenkungsmanöver?

15. Juli 2008, 18:40
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In Deutschland hat die CDU Atomkraft als Wahlkampfthema entdeckt: Handelt es sich nur um clever inszeniertes Sommertheater - oder muss man die neu entflammte nukleare Euphorie ernst nehmen? - von Wolfgang Pomrehn

Das Propagandafeuerwerk geht munter weiter und hat bereits dazu geführt, dass in der Bevölkerung die Zustimmung zu einer Verlängerung der Laufzeiten deutlich wächst: Zu schwach sind offenbar inzwischen die Erinnerungen an das Reaktorunglück von Tschernobyl, das 1986 ganz Mitteleuropa in Angst und Schrecken versetzte und weite Landstriche in der Ukraine und mehr noch in Weißrussland radioaktiv verseuchte.

So scheint auch das von der Energiewirtschaft einst sogenannte Restrisiko, die Gefahr, dass ein Reaktor außer Kontrolle geraten und große Mengen radioaktiven Materials verteilen könnte, in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent zu sein. Ein besseres Gedächtnis hat berufsbedingt allerdings die Versicherungswirtschaft. Die Ärzteorganisation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) wies letzte Woche darauf hin, dass im Gegensatz zu Windenergie- und Fotovoltaikanlagen Atomkraftwerke nur eine symbolische Haftpflichtversicherung haben. Mit 500 Millionen Euro decke sie nur 0,1 Prozent der möglichen maximalen Schäden ab. Diese, zitiert die Organisation aus einer für das Bundeswirtschaftsministerium erstellten Studie, können bis zu 5500 Milliarden Euro betragen.

Viele Ungereimtheiten

Zu denken gibt dieses Fehlen einer angemessenen Haftpflichtversicherung schon. Offensichtlich findet sich kein Versicherer, der das Risiko tragen will. Sollte es am Ende vielleicht doch nicht so klein sein, wie die AKW-Betreiber den Bürgern gerne weismachen möchten? Jedenfalls ist der Gesetzgeber gnädig und nimmt sie praktisch aus der Schadensersatzpflicht aus. Der Grund: Die Versicherungen wären für die Energieunternehmen unbezahlbar.

Die fehlende Haftpflicht ist allerdings nicht die einzige Ungereimtheit, auf die man bei den Atomenergiebefürwortern stößt. Wenn man sich die derzeitige Aufregung um die Branche anschaut, die nicht nur hierzulande herrscht, dann fragt man sich schon, ob in den Vorstandsetagen der Konzerne die Grundrechenarten beherrscht werden. Besonders bei der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) kommen da gewisse Zweifel auf: Es werde erwartet, ließ kürzlich in Südkorea der stellvertretende IAEA-Direktor Jury A. Sokolow wissen, dass sich bis zum Jahr 2030 die Zahl der Reaktoren um 60 Prozent erhöht.

Fragt sich nur, wo der Mann den Brennstoff hernehmen will. Das Bundesumweltministerium (BMU) geht nämlich unter Berufung auf die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) davon aus, dass beim derzeitigen Verbrauch spätestens in 65 Jahren Schluss ist mit den Vorräten. Es gebe weltweit nur 4,7 Millionen Tonnen wirtschaftlich abbaubare Vorkommen von Uran, heißt es in einer Broschüre des BMU.

Die andere Frage ist, wie Sokolow die AKWs in so unglaublich kurzer Zeit bauen will. Derzeit sind weltweit 439 Reaktoren in Betrieb. Eine Steigerung dieser Zahl um 60 Prozent würde 263 zusätzliche Meiler bedeuten. Außerdem wird bis 2030 ein erheblicher Teil der alten AKWs vom Netz gehen müssen. Setzt man eine Betriebszeit von 35 Jahren an, dann wären es rund 350, wie man obiger Grafik entnehmen kann.

Summa summarum müssten, sollen die Träume des IAEA-Vize wahr werden, 513 AKWs in 22 Jahren fertiggestellt werden - oder 23,31 pro Jahr, ungefähr so viele, wie in den letzten 15 Jahren zusammen. Bisher ist trotz allen Geredes nichts von einem entsprechenden Bauboom zu spüren. Im ersten Halbjahr 2008 wurde gerade für zwei neue AKWs der Grundstein gelegt und kein einziges in Betrieb genommen. Hinzu kommen die langen Planungs- und Bauzeiten. In Großbritannien, wo die dortige sozialdemokratische Regierung gerne neue AKWs bauen lassen möchte, rechnet man nicht vor 2018 mit der Inbetriebnahme des ersten Meilers.

Des Weiteren ist bisher vollkommen unklar, wer so viel Kapital investieren sollte. Für 23 AKWs müssten nämlich, legt man die Preise des französischen Herstellers Areva zugrunde, 60 bis 115 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt werden. Was gerne übersehen wird, ist, dass es mit den neuen Kraftwerkstypen bisher so gut wie keine Erfahrung gibt, was Bauzeiten und den Betrieb betrifft. Die alten Kraftwerke brauchten viele Jahre, um ihre Verfügbarkeitszeiten zu verbessern. Learning by Doing führte dazu, dass sie in den 1970er- und 1980er-Jahren häufiger stillstanden als heutigentags. Inzwischen liegt die Verfügbarkeit im internationalen Durchschnitt bei etwas über 80 Prozent. Unterm Strich macht das die Investitionen zu einer riskanten Sache.

Alles nur Medien-Hype?

Bei all dem stellt sich die Frage, was vom hiesigen Medien-Hype um die angebliche Renaissance der Atomkraft zu halten ist, zumal offenbar deutsche Energiekonzerne nicht ernsthaft daran denken, hierzulande neue AKWs in die Landschaft zu stellen.

Zwei Dinge springen dabei ins Auge: Zum einen hoffen Vattenfall, Eon, EnBW und RWE vor allem auf eine Verlängerung der Laufzeiten ihrer Altmeiler. Im Gegensatz zu Neubauten wäre das nämlich ein glänzendes Geschäft, da die Anlagen längst abgeschrieben sind oder demnächst sein werden.

Zum anderen hätte die Union endlich ein Wahlkampfthema, mit dem sie sich von der SPD absetzen und die Gesellschaft polarisieren könnte. Damit ließe sich zugleich prächtig von den eigentlich dringenden Problemen wie Krankenversicherung, Alters- und Kinderarmut, Bildungsmisere, Verelendung der untersten Bevölkerungsschichten und Ähnlichem ablenken.

Die Frage ist allerdings, ob die CDU-Vorsitzende Angela Merkel gut beraten wäre, einen solchen Wahlkampf zu führen. Der würde nämlich nicht nur den nicht mehr ganz so heimlich umworbenen grünen Koalitionspartner in spe verprellen. Er würde auch Leuten wie Roland Koch Oberwasser bescheren, die erst so richtig warm werden, wenn sie die Gesellschaft mit gefährlicher Polarisierung spalten und aufpeitschen können.

Mag sein, dass sich die Kanzlerin am Letzteren nicht stört, aber immerhin handelt es sich um einen ernst zu nehmenden Rivalen im parteiinternen Machtkampf. Wir werden also wohl noch bis zum Herbst warten müssen, um zu wissen, ob das Ganze nun unionsintern ein Sommertheater war - oder doch schon die Einstimmung auf den Bundestagswahlkampf von 2009. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2008)

Wolfgang Pomrehn, geboren 1962, Geophysiker und Umweltjournalist, lebt in Berlin; 2007 erschien sein Buch "Heiße Zeiten. Wie der Klimawandel gestoppt werden kann". Erstpublikation dieses Beitrags: Telepolis/Heise-Verlag

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