Siegen, ohne zu kämpfen

18. Februar 2003, 19:39
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Früher oder später werden die Amerikaner sich mit Kim Jong-il an einen Tisch setzen müssen - Von Christoph Prantner

Ist er verrückt? Ist er ein Spieler, der mit seinem Vabanque-Stil den Fernen Osten in eine Katastrophe treibt? Oder ist der "explosive Herr Kim" (so der Economist) jemand, der einfach gern eine geladene Politik betreibt? - Sicher lässt sich sagen: Kim Jong-il, Nordkoreas "Geliebter Führer", will in Pjöngjang an der Macht bleiben. Und er ist ein gewiefter Stratege, der diesem Ziel derzeit offenbar ziemlich erfolgreich zustrebt.

Das zeigt einmal mehr seine jüngste Drohung, aus dem Waffenstillstandspakt von 1953 auszusteigen. Nach dem Eingeständnis über Pjöngjangs Atomwaffen, nach dem Ausstieg aus dem Atomsperrvertrag und dem Hochfahren der Nuklearanlagen zieht er den USA damit die Daumenschrauben noch einmal fester an. Die Regierung Bush, so analysierten Experten der renommierten amerikanischen Brookings Institution unlängst, hat dem wenig entgegenzusetzen: Wirtschaftliche Sanktionen seien nutzlos, Nordkorea habe bloß ein bescheidenes Außenhandelsvolumen von einer Milliarde Dollar (mehr als die Hälfte davon mit China). Die "militärische Option" scheide aufgrund der A-Waffen (noch heuer könnte Pjöngjang über bis zu einem halben Dutzend Bomben verfügen) aus. Eine harte Haltung der USA gegenüber Nordkorea sei zwar richtig - aber: Verhandlungen dürften nicht ausgeschlossen werden.

Genau diese Verhandlungen mit den USA (und nicht etwa auf multilateraler Ebene) will Kim. Früher oder später werden die Amerikaner sich mit ihm an einen Tisch setzen müssen. Auch deswegen, weil die Chinesen offenbar jeden Einfluss auf ihren Verbündeten verloren haben. Vor 2500 Jahren schrieb der chinesische General Sunzi Wu in seiner "Kunst des Krieges": "In all deinen Schlachten zu kämpfen und zu siegen ist nicht die größte Leistung. Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen." Kim Jong-il, scheint es, beherrscht diese Taktik in Vollendung. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2003)

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