In den Ketten der Klarheit

16. Februar 2003, 20:35
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Ingo Metzmacher und das Staatsorchester Hamburg in Wien

Wien - Das musikalische 20. Jahrhundert ist längst Geschichte, aber von seiner Akzeptanz her kann man es leider noch nicht als in die Gegenwart des Konzertalltags angelangt bezeichnen - es wirkt eher wie ein Festivalbewohner von bewusst eingerichteten Moderne-Inseln. Ein ewiges Problemchen, mit dem man sich abfinden kann; den Zeitgenossen und Moderne-Fan Ingo Metzmacher schmerzt dies allerdings.

Und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er dem Repertoire auch als längst etablierter Hamburger Generalmusikdirektor die Treue hält - bis hin zu dem mit einem Hauch von Sperrigkeit versehenen Neujahrskonzert mit seinem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Bei so viel Vermittlungsglauben ist insofern klar, dass man, so man sich auf Reisen begibt, auch dabei Programme bastelt, die etwa die klangflächige Subtilität eines György Ligeti (hier Lontano aus 1967) als scheinbar etablierte Selbstverständichkeit neben Lieder von Gustav Mahler stellen.

Der Idealzustand einer Gleichberechtigung von Tradition und Moderne lässt sich natürlich leicht simulieren, hat man auch einen Sänger wie Matthias Goerne zur Seite. Dieses Wunder an Wortdeutlichkeit, Klangfülle und einer ausdrucksstarken Lyrik ist eine permanente Entführung in eine Sphäre des Besonderen, die das Wiener Konzerthaus mit Leichtigkeit füllt.

Der orchestrale Rahmen, den Dirigent Metzmacher für Goerne entwirft, ist eher als entschlackt und analytisch zu werten: eine reizvolle Kombination; eine tragfähige Mischung aus vokaler Verklärung und nüchterner Durchhörbarkeit des Instrumentalen, das Stimmungen aus Struktur und Transparenz aufbaut. Ist dieser vokale Gegenpol allerdings einmal weg, entstehen Probleme.

Bei Bartóks Konzert für Orchester pendelt sich alles in einem unproduktiven Mittelbereich des Ausdrucks ein und kann die Ketten einer Ästhetik der Nüchternheit und Klarheit nie ablegen. Endprodukt ist eine sterile Klangschönheit. Metzmachers Musizieren ist hier eines mit angezogener Gefühlsbremse. (DER STANDARD, Printausgabe vom 17.2.2003)

Von
Ljubisa Tosic
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