Das Dorf im Winter...

17. Februar 2003, 10:39
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...ist global gesehen ein Ort in Europa - ÖSV-Direktor Anton Innauer erzählt von Quoten, Amerikanern, Helden und Lobbys

Christian Hackl

Val di Fiemme - Der gewöhnliche Amerikaner weiß schon, was sich gehört. Er pfeift aufs Skispringen, Langlaufen und Kombinieren, ignoriert den alpinen Skilauf samt Bode Miller. Die nordische WM ist ihm nicht einmal egal, er ahnt nämlich nicht, dass überhaupt eine stattfindet.

Und zwar in Val di Fiemme und vom 18. Februar bis zum 1. März. FIS-Präsident Gian Franco Kasper wird zwar nicht müde, die Notwendigkeit einer großen Reichweite zu betonen, seine Welt bleibt aber doch ein alpines Dorf.

Anton Innauer, nordischer Sportdirektor im ÖSV, empfindet das nicht unbedingt als Katastrophe. "Wir bilden uns ein, dass man die Super Bowl pushen muss. Und glauben dann, dass es umgekehrt auch funktioniert und in den USA der Skisport im Fernsehen gezeigt wird. Das ist Unsinn. Der Amerikaner ist da konsequenter, er schließt Sportarten einfach aus. Es geht um wirtschaftliche Vernetzungen, um Lobbys."

Innauer ist davon überzeugt, "dass Skispringen kein Problem hat, weil es ein Topprodukt ist". Es boome in Deutschland, Österreich, Skandinavien, Polen und sogar in Teilen Asiens. Innauer: "Es gibt fast zu viele Interessenten, man muss eher den Zeitplan entrümpeln. Die Konzentration soll den Großereignissen gelten, man muss prinzipiell dort hingehen, wo man willkommen ist. Das kulturelle Verlangen der Leute soll bedient werden. Das heißt aber nicht, dass man nichts Neues versuchen soll."

Die Weltmeisterschaft in Val di Fiemme sei so ein Mittelding, 1991 war dort bereits eine WM, das Zuschauerinteresse war damals vorsichtig gesagt begrenzt. Sapporo und Oberstdorf waren diesmal vorgereiht, die FIS entschied sich trotzdem für die Italiener. "Das hatte politische Gründe."

Man dürfe, so Innauer, die Geschichte niemals vergessen, schon in den 70er-Jahren besuchten 100.000 Menschen die Springen vom Holmenkollen, da wurde noch nicht nach TV-Quoten gelebt und programmiert. "Obwohl die Norweger sieben Jahre lang nix gewonnen haben, bleibt dieser Sport dort ein Anliegen. Es hängt nicht ausschließlich alles von eigenen Helden ab."

Natürlich, so Innauer, sei die Bedeutung von Heroen eine nicht zu unterschätzende. "Am besten sind jene, die global ankommen." Hermann Maier sei ein Beispiel dafür, leider ist der aber ein schlechter Skispringer. Innauer: "Helden werden neben dem Wettkampf gemacht. Zynisch gesagt, müsste man den Athleten klonen. Der eine springt dann toll, der andere stellt mit lustigen oder spannenden Geschichten die Medien zufrieden. Und wie bei einem Wetterhäuserl werden sie abwechselnd rausgelassen." Innauer verweist auf Sven Hannawald. "Viel interessanter scheint doch zu sein, ob er eine Freundin hat. Die Leistung kommt zu kurz. Auf längere Sicht betrachtet kann das schon ein Problem werden."

Der Langlauf stecke hingegen als Langlauf in der Krise, Innauer ist für diese Sparte nicht mehr zuständig. "Ich möchte deshalb auch nicht viel dazu sagen. Es ist aber absurd, wenn ein Monat vor der Weltmeisterschaft kein Rennen stattfindet. Wann soll man sich präsentieren, wenn nicht im Winter? Die Dopingproblematik ist ungelöst. Es schaut tatsächlich komisch aus, wenn viele der besten Ausdauerathleten als Asthmatiker eingestuft werden."

Die Diskussion um hungernde Springer sei dagegen relativ harmlos. "Solange Athleten wie Janne Ahonen oder Florian Liegl dominieren, ist das überschaubar. Jeder Sport ist eine Gratwanderung. Die Alternative wäre, die Materialschraube zu drehen. Enge Anzüge, andere Skimaße, dann hätte man wieder die Anabolika wie einst in der DDR. Da stellt sich die Frage, was einem lieber ist."

Lieb wären Innauer einige Medaillen in Val di Fiemme. "Das wäre wichtig, weil wir von der Kultur, der Wirtschaft und den Medien her eher alpin vernetzt sind. Das ist so, und wird so bleiben." (DER STANDARD, Printausgabe, 17.02.2003)

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    Nordischer Direktor des ÖSV: Anton Innauer

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