Alpiner Table-Dance

16. Februar 2003, 22:45
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Spätestens im Sommer wollen die Skigemeinden die Fun-Haut abstreifen. Als naturnahe Ferienregion haben sie dann aber ein Glaubwürdigkeitsproblem, meint Stefanie Holzer

Das Wort Fun ist noch relativ neu in der deutschen Sprache, dennoch weiß jeder, was es bedeutet. Fun ist etwas, bei dem viele Menschen zugegen sind, die das Kunststück zuwege bringen, sich in großen Menschenansammlungen für Individualisten zu halten. Damit sie all die anderen Menschen nicht so krass wahrnehmen, brüllt stets etwas, das man neutral mit Sound beschreiben kann, sodass die reine Lautstärke als Trennwand zwischen den Menschen steht.

So gesehen ist man auch allein, wenn man zu zweit ist. Unter diesen Rahmenbedingungen kann, weil Fun angesagt ist, jeder tun, was er oder sie will. Egal, ob der Fun am Strand oder im Gebirge angesagt ist, statistisch am häufigsten entscheiden sich die Menschen in dieser Situation dafür, sich zu betrinken.

In den Alpen gibt es Fun-Hochburgen. Jeder noch so mickrige Fernsehsender schickt einmal im Jahr eine Kameracrew nach Ischgl, damit man den Menschen zu Hause zeigen kann, dass es nicht nur auf der Alm, sondern auch im Hochgebirge keine Sünde mehr gibt.

Diese "kritischen" Beiträge sind zum allergrößten Teil verlogen. Denn sie machen nur Werbung für Ischgl, und zwar nicht für das entlegene Bergdorf mit der barocken Pfarrkirche zum Hl. Nikolaus mit der schönen Ladner-Pietà, sondern für das Ischgl der Table-Dance-Bars und der vor berauschtem Vergnügen kotzenden Skifahrer. Wiewohl die Versuchung groß ist, sich über Ischgl zu erregen, sollte man sich das verbieten. Es gibt dort außer der beeindruckenden Bergkulisse nichts, was es nicht auch sonst in kleinen und mittleren Städten gäbe. Denn zumal im Winter sind Orte wie Ischgl oder Sölden eben nicht Dörfer in hinteren Alpentälern, sondern zentrale Fun-Orte der höheren Stufe.

Sölden liegt in der Nächtigungsstatistik bekanntlich gleich hinter Wien. Abgesehen von der prinzipiellen Frage, ob man Annehmlichkeiten wie Table-Dance insgesamt für wünschenswert hält oder nicht, ist das Vorhandensein solcher Etablissements in Ischgl völlig normal, im Sinne von nicht ungewöhnlich in Bezug auf die dort vorhandene Anzahl von Menschen.

Allerdings bleiben diese Menschenmassen nicht das ganze Jahr über. Spätestens in der Zwischensaison wird sichtbar, dass Ischgl ein Potemkin'sches Dorf ist. Kaum ein Gasthaus ist offen. Von den unmenschlichen Strapazen der Fun-Produktion liegt Ischgl entkräftet da, um rechtzeitig zur Sommersaison in der Art der Schlangen seine Fun-Haut abzustreifen und sich zu Sommerbeginn wie neugeboren als sauberer Familienferienort zu präsentieren.

"Sauber" ist hier vielschichtig zu verstehen: naturnah, anständig, menschenfreundlich, gesund, kindgerecht. Die akrobatische Übung, im Sommer das Gegenteil von dem zu sein, was man im Winter ist, unterzieht einzelne Orte und den gesamten Alpenraum einer Belastungsprobe. Sind die Alpen nun eine Region, in der Naturparks und allgemein nachhaltiges Wirtschaften angesagt sind, oder sind die Alpen ein Goldgräbergebiet, in dem die Devise "Hinter mir die Sintflut" Gültigkeit hat? Umfragen belegen, dass dem Wintergast die Umwelt eher egal ist, dem Sommergast dagegen liegt sie sehr am Herzen. Es steht zu erwarten, dass die Alpen als naturnahe Ferienregion über kurz oder lang ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen.

Im Sommer werben alle Orte mit intakter Natur, lockenden Gipfeln, frischer Luft, gemütlichen Hotels, atemberaubender Fernsicht und maßvoller sportlicher Betätigung - kurz mit den Dingen, die einst die Engländer dazu gebracht haben, das Gebirge zu bereisen und dadurch für die nachfolgenden Touristenscharen begehbar zu machen.

Die Engländer haben in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts erkannt, dass die Alpen "fun" sind. Mittlerweile hat sich diese Erkenntnis auch zu denen durchgesprochen, denen es wundersamerweise ein Bedürfnis ist, sich im Angesicht eines großartigen Bergpanoramas besinnungslos zu trinken. Wie immer, wenn Kulturgut absinkt, schaut es dort, wo es an- gekommen ist, anders aus als davor. Da- bei ist das zivilisierte Urlaubsvergnügen keineswegs aus den Alpen verschwun- den.

Alle jene, die davon reden, wie überlaufen dieser Berg oder jenes Tal sei, müssten nur den Berg daneben besteigen und das Tal dahinter besuchen, dann würden sie sehen, dass die Massen-Fun-Gesellschaft einen sympathischen Zug hat. Sie neigt dazu, sich an einem Punkt, sei das die Bergstation einer Seilbahn, die Schnapsbar auf der Piste oder die Après-Ski-Alm im Dorf, zusammenzurotten. Wer ihr aus dem Weg gehen will, bleibt schon im Nachbarort unberührt davon.

Wer wie Elfriede Jelinek Sport und das Gebirge summarisch als faschistisch einstuft, dem müsste die "Funisierung" der Alpen recht sein. Denn doof mögen sie ja sein, die sich täglich beim Skifahren voll kübeln, faschistisch sind sie ziemlich sicher nicht. Doch auch das ist den wenigsten ein Grund zur Freude.

Das Berggebiet ist ein idealer Angelpunkt für die Sorgen des modernen Menschen. Die Natur als Sammelbegriff für das Reine, vom Menschen Unbesudelte, ist in Form der Alpen in Gefahr - und zwar dann, wenn "die anderen" dort Fun haben, und nicht, wenn man selbst mit dem Auto quer durchbraust. Fun-Kritiker hören nicht gerne, dass der Tourismus trotz allem gut ist für das Berggebiet, denn ohne Tourismus wären die Täler entvölkert. Und touristische Entscheidungsträger hören erst gar nicht hin, wenn Kritik erklingt. Bei zwei gegebenen Möglichkeiten entscheiden sie sich tendenziell für die ästhetisch weniger befriedigende und geistig anspruchslosere. Darin liegt wohl ein Grund für die Geringschätzung der Branche nicht nur vonseiten der Intellektuellen.

So erklärt es sich, dass die Schadenfreude nicht gerade klein ist, wenn ein besonders stumpfsinniges und geistfreies Fun-Projekt wie das sündteure "Playcastle" in Seefeld Pleite macht. Wenn die Investoren dadurch nicht klüger geworden sind, so haben sie wenigstens nicht mehr so viel Geld für die nächste Schnapsidee.

Fassen wir also zusammen: Zwischen denen, die wegen des Funs ins Gebirge gehen, und denen, die den Berg durch die "Funisten" geschändet sehen, gibt es immer noch einen breiten Raum: frei für alle, die in der Nachfolge der zivilisierten englischen Touristen die Fernsicht von einem Gipfel ebenso genießen wie ein gediegenes Essen.

Anders gesagt, beim Langlaufen in Leutasch kümmert es mich nicht, wenn in Seefeld die Schnapsbars auf der Straße aufgestellt sind. Ich fahr' ganz einfach nicht nach Seefeld. Allerdings wird es in Zukunft keinesfalls einfacher, seinen Lieblingsort in den Bergen zu finden.

Stefanie Holzer, geboren 1961, Schriftstellerin und Publizistin, zuletzt erschien "Kultur Geschichte Tirol"; Wien/Bozen: Folio Verlag 2000, ISBN 3-85256-141-8
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