Tee-Time auf Mallorca

12. Mai 2005, 10:24
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Manche nehmen die Ansteckung als schicksalsgegeben hin, andere erwischt es quasi im Vorübergehen. Aber jeder weiß, wo und wann es ihm passiert ist. Gegen das Golfvirus gibt es nur einen Schutz: nicht spielen

Wenn Buben, besonders erwachsene, ohne Damenbegleitung auf Reisen gehen, nimmt das Unterfangen leicht den Charakter eines Schul-Skikurses an. Vor allem, wenn gemeinsame Sportausübung das eigentliche Ziel ist. Das beginnt schon bei der Abreise, beispielsweise beim Check-in am Flughafen. Wer zu einer Golfreise ohne eigenes Besteck antritt, wie die Golfer ihr Gerät nennen, hat sich gruppendynamisch von vornherein den Platz gesichert, den früher die Seicherln hatten, die von ihren Eltern zum Skibus gebracht wurden - zünftig im Lodenmantel und mit Haferlschuhen, weil's ja ins Gebirge ging, mit einem Lederkoffer als Gepäck, an dem sich später der ortsansässige Schlepphiasl unweigerlich das Kreuz verriss. Und sich mit der Frage beliebt machten, ob man in Heiligenblut eh' Bretter und Schuhe leihen könne, Brille und Handschuhe hätten sie mit. Im Koffer.

Im Gegensatz zu Skifahrern sind Golfer höfliche, introvertierte Menschen, die auch mit Nicht-Golfern sprechen. Vorzüglich darüber, wann sie mit dem Golfen beginnen werden. Oder seit wann sie nicht spielen, ob Verletzung, Krankheit oder psychische Gebrechen sie daran gehindert haben. Sie können auch gut für sich alleine sein, der eine steht nach Versorgung seines Bags ein wenig abseits und übt mit halbgeschlossenen Augen den Abschlag, der andere chippt sich in Richtung Boarding-Gate, der dritte wieder hält die Hände zum Griff um einen unsichtbaren Putter gefaltet und hat im Geiste soeben aus 13 Metern eingelocht, sein glückseliges Lächeln verrät, dass er deutlich unter Par geblieben ist.

Schnelle Greens und heimtückische Bunker

Golfer sprechen gern über Etikette, wenn sie mit Laien sprechen, die den Finessen von Spielberichten, in denen schnelle Greens, heimtückische Bunker oder hinterfotzig angelegte Teiche die Dramaturgie bestimmen, noch nicht folgen können. Aber was ein Handicap ist, vermittelt sich einfacher, wenn auch der Sinn desselben so tief im britischen Understatement für sportliche Fairness vergraben ist, dass er sich einem, der im Wettkampf zunächst einmal einen durch Regeln halbwegs gemilderten Vernichtungsakt des Gegners sieht, nicht sogleich erschließt. Das Handicap, so erfährt man, dient nicht nur zur Klassifizierung der Spielstärke der Golfer, sondern in erster Linie dem theoretischen Ausgleich ihrer praktischen Defizite: So kann, jedenfalls in der Theorie, ein schlechterer Spieler mit einem Besseren schlicht durch die Vorgabe der Schläge Schritt halten, die ihm dieser aufgrund seines höheren Handicaps einräumt.

Also würde die Golfetikette einen Spieler mit einem, sagen wir Handicap 20, der seine Runde mit diesen 20 Schlägen plus beendet, gegen einen als Sieger sehen, der sein niedrigeres Handicap um bloß einen Schlag übertrifft. Das Schöne daran ist, dass beide wissen, wer der bessere Golfer ist, dem Schlechteren aber das wärmende Gefühl bleibt, sich als Sieger auf einem durch das Handicap egalisierten Niveau zu fühlen. Das ist eine Kulturleistung, deren zivilisatorischer Effekt nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Kein Wunder, dass die Briten der Welt nebenher auch Fußball und Rugby geschenkt haben - vermutlich, um dem ungehobelteren Bewegungsdrang des Proletariats ein Ventil zu verschaffen.

Zeit der Mandelblüte

Mallorca hält für den Reisenden zur Zeit die Mandelblüte parat, eine reizvolle Erfindung, die sich farblich auf das Schönste mit der immergrünen Gartenarchitektur der Golfplätze verbindet: Die weißen bis leicht rosafarbenen Blüten der Mandelbäume, die auf den freien Flächen zwischen den Plätzen wachsen, werden auch der Schnee der Balearen geheißen. Der Legende nach ließ sie ein maurischer Prinz hier pflanzen, um den Schmerz seiner Geliebten zu lindern, die von Heimweh nach den Schneebergen auf dem Festland verzehrt wurde.

Direkt vom Flughafen Palma wird der erste Golfplatz angesteuert, er liegt zwölf Kilometer außerhalb der Stadt und bei Magalluf und heißt Poniente. In den Augen der Golfer flackert es, offenbar wurde das Virus sofort aktiv, nachdem Golftaschen und Trolleys ebenfalls vollzählig den Flug geschafft hatten. Die kurz aufgeworfene Schreckensvision, sie könnten woanders landen, hat sich gottlob nicht erfüllt.

Fünfzehn Plätze

Golf de Poniente ist einer von 15 Plätzen auf Mallorca, hat 18 Löcher und eine Par-Zahl von 72. Herr Ballesteros hat auf der 1978 eröffneten Anlage mit genau 72 Schlägen den Klubrekord aufgestellt, und Kenner loben vor allem das Design des 10. Loches, welches, wie uns die Literatur im Klubhaus - feine Weine, gutes Bier, hervorragende Sherrys - mitteilt, von Golfarchitekt Pepe Garcedo als "eines der besten Par 4" gepriesen wird. (Die Parzahl bezeichnet, so das noch nicht klar sein sollte, die Anzahl der Schläge, die idealerweise bis zur Versenkung des Balles verbraucht werden soll. Profis kommen mit weniger, gleich viel oder geringfügig mehr aus, ungefähr 99 Prozent der Amateure mit viel mehr: Das ist ihr Handicap.) Unsere Pros loben den Platz, meinen aber, er könnte mehr Pflege vertragen.

Am nächsten Tag schneit es auf Mallorca. Echtes, gefrorenes Wasser, keine Mandelblüten. Den Einheimischen ist das richtig peinlich, sie entschuldigen sich, so etwas käme nur alle 30 Jahre vor. In der Selbsthilfegruppe Golf sinkt die Stimmung dramatisch, die Alternative zur verschriebenen Therapie von mindestens 18 Löchern täglich erschöpft sich in der Besichtigung der schönsten Plätze. Wie beispielsweise die Anlage Son Vida, einige Kilometer außerhalb Palmas in den Hügeln gelegen: Zwei Luxushotels, zwei Plätze mit einem Blick über eine Landschaft wie aus einem Genrebild des frühen 19. Jahrhunderts, nur dass statt Zicklein hütenden Schäferinnen heutig Gekleidete weißen Bällen nachlaufen.

Es erwischt einen ja meistens, wenn man gar nicht mehr damit rechnet. Da steht dann plötzlich auf der Driving Range ein richtiger Henker vor dir, groß, blond, schwedisch, korrigiert sanft deine Griffhaltung am 7er-Eisen, nein, es ist nicht Eishockey, also leicht in die Knie, Beine so weit auseinander wie die Schultern breit sind (also nicht sehr), Hintern raus, Schwerpunkt über die Kugel, Blick darauf, ausholen, treffen, ausschwingen. Beim ersten Mal gelingt gleich alles - bis aufs Treffen: Der Ball rührt sich nicht vom Fleck, dafür segelt ein sauber abgehackter Grasziegel rund zehn Meter davon. Das Handgelenk grüßt mit einem herzhaften: "Wohl bekomm's!" Sicher nicht, denkst du, und versucht es noch mal. Und wieder. Und so weiter, bis das Wunder geschieht: Du holst aus, ziehst durch, kein Widerstand, hast du nicht getroffen?
Oh doch, und wie: Der Ball steigt hoch, fliegt gerade aus, fliegt, 80, 100, 120 Meter. Das ist es, genau das. Perfekt, sagt der Trainer, steckt zur Belohnung ein Tee in die Erde, setzt den Ball drauf: "Gleich noch einmal." Ja, Schnecken. Aber einmal hast du es gespürt, und das genügt, um diesem einen Mal ein Leben lang nachzuhecheln, come hell or fire: Wellcome to the club. Wenn ich meine Skitourenausrüstung verkaufe, überlege ich im Flieger nach Hause, bekomme ich dafür zwei gebrauchte Golfsets. Eines für mich, eines für meine Frau.(Der Standard/rondo/14/02/2003)

Mallorcas Golfplätze

Durch die geringen Distanzen auf Mallorca kann man in weniger als einer Stunde zwischen den 15 Golfplätzen variieren.


Deren E-Mail-Adressen:
info@sonvidagolf.com; info@sonmuntanergolf.com;bendinat@bitel.es; Santa Ponsa; Golf Andratx; golfpollensarec@jet.es; Alcanada; capdeperagolf@ctv.es; www.pulagolf.com; valldorgolf@valldorgolf.com; www.mariotthotels.com

Samo Kobenter hat es auf Mallorca versucht.

Info

Spanisches Fremden-
verkehrsamt, Walfischgasse 8/14, A-1010 Wien, Tel.: 512 95 80. www.tourspain.es; www.spain.info; www.visit
balears.com
; www.aua.com
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