"USA führen den falschen Krieg"

6. Februar 2003, 11:47
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Israelischer Philosoph Margalit: Kampf gegen Saddam "große Hilfe" für islamistischen Terrorismus

Jerusalem/Hamburg - "Es wird einen Krieg gegen den Irak geben. Doch dieser Krieg ist der falsche Krieg",warnt der israelische Philosoph Avishai Margalit in einem Beitrag für die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag-Ausgabe). "Ich brauche nicht auf den Bericht von (UNO-Chefinspektor) Hans Blix zu warten. Ich bin bereits jetzt davon überzeugt, dass der Irak chemische und biologische Waffen versteckt. Ich glaube außerdem, dass der Irak einige Dutzend Raketen in Westirak verborgen hält. Obwohl ich diese Überzeugungen hege, bin ich nach wie vor der Ansicht, dass Amerika den falschen Krieg führen wird", unterstreicht der Professor für Philosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem.

"Wenn man amerikanische Regierungsbeamte fragt, wer denn der Feind sei, bekommt man seit dem 11. September (2002) drei verschiedene Antworten zu hören: der weltweite Terrorismus, die Massenvernichtungswaffen in den Händen solcher Übeltäter wie Saddam Hussein und der radikale Islam nach Art von Bin Laden. Ich glaube, das verworrene Denken der Amerikaner über den Irak-Krieg entsteht aus der Vermengung dieser drei Antworten - als handle es sich um ein und dieselbe Antwort, während es in Wahrheit doch sehr verschiedene Antworten sind, die ganz unvereinbare praktische Schlussfolgerungen mit sich bringen."

Hilfe für den eigentlichen Feind

Der Feind sei der "radikale Islam vom Typus eines Bin Laden". Die Bekämpfung von Saddam Hussein werde "diesem Feind eine große Hilfe sein, anstatt ihn zurückzuwerfen", glaubt Margalit. Die islamische Welt, ein Siebentel der Weltbevölkerung, stehe am Rande einer "revolutionären Situation": "In fast allen islamischen Ländern sind 50 Prozent der Bevölkerung Jugendliche unter 18 Jahren. Ihre Lebensaussichten sind trostlos, und doch kennen sie das glitzernde Leben, überwiegend aus den westlichen Medien. Dies führt dazu, dass sie die Kluft zwischen ihren realen Aussichten und ihren Träumen noch schwerer verkraften können." Dies, und nicht so sehr der Terror, sei das Hauptproblem.

Osama Bin Ladens Idee sei, den Terror als Propaganda zu nutzen, spektakuläre Aktionen zu inszenieren wie den Anschlag auf die "babylonischen" Türme Manhattans, "die Wahrzeichen der götzendienerischen amerikanischen Heiligtümer. Das Ziel ist aber keineswegs, Amerika zum Islam zu bekehren. (...) Bekanntlich setzt Terror auf die Überreaktion der Opfer: Aus Wut wird der Getroffene in seiner Reaktion auf unschuldige Unbeteiligte einschlagen, die dann radikalisiert werden und leicht rekrutierbar sind."

"Terrorbekämpfung ist keine Aufgabe für Elefanten im Porzellanladen - und ganz gewiss nicht für die Elefanten aus der Partei der Republikaner. Sie ist eine heikle Angelegenheit. Ungeachtet des Kriegs in Afghanistan ist der Kampf gegen den Terror kein konventioneller Krieg, bei dem man der Luftwaffe feste Ziele vorgeben kann. Der Kampf gegen den Terror ist auch keine Polizeioperation wie bei der Bekämpfung der Mafia", schreibt der israelische Philosoph. Saddam Hussein könne es den Amerikanern jedenfalls so oder so nicht recht machen: "Hätte Saddam Herrn Blix eine peinlich genaue Liste seiner Waffen übergeben, hätte man es als Zeichen dafür gewertet, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist und dass er weit mehr davon versteckt." (APA)

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