Wie kluge Frauen alt werden

22. Jänner 2008, 07:00
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Heidi Witzig hat Feministinnen im Alter zwischen 63 und 90 Jahren zu Erfolgen, Misserfolgen und zum Älterwerden befragt

Gesünder, aktiver und lernbereiter - so wird die Generation geschildert, die momentan das Pensionsalter erlebt. Inwiefern gilt das auch für die Frauen? Diese hatten wesentlich mehr Bildungs- und Berufschancen als die Frauengeneration davor, wurden geprägt durch die 68er Bewegung und die politischen Fortschritte bezüglich der Forderungen der Feministinnen in den 1970er und 80er Jahren. Eine besonders tatkräftige Gruppe nahm in irgendeiner Form an der Neuen Frauenbewegung teil oder stellte deren Postulate und Analysen in ihrem beruflichen und persönlichen Leben ins Zentrum. Und nun gehören sie zur älteren Generation. Wie leben sie heute? Und was denken sie über ihre früheren Aktivitäten?

Heidi Witzig, Historikerin und Buchautorin, hat Feministinnen im Alter zwischen 63 und 90 Jahren, die einst rebellisch den Kampf um die Emanzipation von Frauen vorantrieben, zum Älterwerden befragt. Sie beschreibt, wie diese Frauen heute leben, wie sie auch im Alter mit den gängigen Konventionen brechen, mit Lust das Prinzip des "Weniger ist Mehr" befolgen und aus jedem einzelnen Tag das Beste herausholen. Die Autorin erzählt weiters, wie diese Frauen über ihre früheren Aktivitäten denken, wie sie die nachfolgende Frauengeneration erleben und wie sie mit dem Sterben und dem Tod umgehen.

Frauenleben

  • Die Sammlerin Marthe Gosteli weiß, dass jede Frau, die ihre Geschichte nicht weiß, das Rad wieder neu erfinden muss und nicht auf den Erfahrungen früherer Generationen aufbauen kann. Deshalb gründete sie ein Frauenarchiv.
  • Eine Pionierin der Organisationsberatung, die Theologin Eva Renate Schmidt, entwickelte mit Hilfe der feministischen Sprachkritik neue Methoden in den Organisationsstrukturen verschiedenster Einrichtungen. Ihre erste Begegnung mit Feministinnen veränderte ihre Arbeit und sie ist noch immer begeistert von der Art und Weise, wie Feministinnen miteinander umgehen.
  • Eva Maria Schmidt erkennt diese neuen Formen der Kommunikation noch immer als den eigentlichen Durchbruch in der Frauenbewegung.
  • Die Kunsthistorikerin und Ausstellungsmacherin Hanna Gagel lernte während ihres Kunstgeschichtestudiums in den 60er Jahren von keiner einzigen Künstlerin, nicht einmal Käthe Kollwitz wurde erwähnt. Sie verbrachte ihr Leben damit, dies zu ändern und es gelang ihr. Als 60-Jährige veröffentlichte sie ihr erstes Buch.
  • Die Germanistin und Erwachsenenbildnerin Reinhild Traitler plante eine Lange Nacht der Religionen, statt eine Lange Nacht der Kirche, weil es soviel voneinander zu lernen gibt und dies besonders für die verschiedenen Religionen gilt.

Einige der Frauen berichten, dass sie öfters von Männern in ihrer Arbeit behindert wurden. Alle Frauen erzählen ausführlich und reflektiert von ihren Erkenntnissen und Einsichten, Erfolgen und Misserfolgen - als Frauen, als Feministinnen und als Pionierinnen in ihren Sachgebieten. Die Erfahrungsberichte dieser lebensklugen, engagierten Frauen machen Mut zur Klärung eigener Lebensprozesse und regen zum feministischen Engagement für eigene politische Anliegen an, allein und gemeinsam mit anderen Frauen. Heidi Witzig hat eine überlegte Auswahl getroffen. (Ruth Devime, dieStandard.at, 22.1.2008)

Heidi Witzig.
Wie kluge Frauen alt werden.
Was sie tun und was sie lassen.
Mit Porträts von Sabina Bobst.
Xanthippe Verlag, Zürich 2007.
320 Seiten / 19,60 Euro.
ISBN 978-3-905795-03-5.

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