Lustig Karottenschneiden

4. Februar 2003, 11:48
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Angesichts der neuen Fernsehformate von Kochsendungen drängt sich die Erkenntnis auf, dass der Fun-Faktor der Snowboard-Generation nun auch in den Küchen Einzug hält

Johann Lafer, verdienstvoller deutscher Fernsehkoch mit österreichischen Wurzeln, hätte es wahrscheinlich nicht geschafft, die Boarder von ihren Brettern runterzuholen. Oder sie davon zu überzeugen, dass es beim Kochen nicht unbedingt nur um schwer auszusprechende, teure Zutaten und einer Mise en place mit gleichmäßig geschnittenem Julienne-Gemüse und geometrisch perfekten Schnittlauchröllchen geht. Auch das Dreigestirn Essen / Trinken / Schunkeln wirkt mittlerweile nur noch einschläfernd: Trugen Koch und Köchin keine hohen Mützen zu weißen Jacken und karierten Hosen, mussten sie sich zumindest im entsprechenden Trachten-Tenue zeigen.

Doch das Experiment ist angelaufen. Medien schreiben von "Jungen Wilden" und bilden dabei durchaus ansehnliche Jünglinge in Jeans und - huiii - schwarzer Kochkleidung ab. Und Berichte über junge Frauen, die Top-Köchinnen und Spitzen-Sommeli`eren sind, werden hoffentlich nicht mehr lange mit völlig nutzlosen Abhandlungen über "Eindringen in Männerdomänen" und ähnlichem gespickt. Das Graphic Design von Kochbüchern wird immer ausgefeilter und ebenso mannigfaltig sind die Aspekte, unter denen die Rezepte zusammen getragen werden: Schlampen-, Singles-, Erotik-Kochbuch . . .

Natürlich ist es auch eine Generationsfrage, ob das Herstellen von Nahrung jetzt als Arbeit betrachtet wird. Und vielleicht musste tatsächlich ein Typ wie Jamie Oliver aus Großbritannien daherkommen, um zu zeigen, dass Kochen die unvergleichlich schmackhafteste Form von Physik ist, und dass es in jedem Fall erlaubt ist, dabei auch noch "Fun" zu haben. Keine Angst - von der 560. Abhandlung über den britischen Fernsehkoch wird Abstand genommen.

Tatsache ist auch, dass immer mehr Fernsehsender und Verlage ein jüngeres Publikum entdecken. Young Entertainment hat sich beispielsweise Viva in Köln auf die Fahnen geheftet. Und neben allen möglichen und unmöglichen Talk-Shows und Musiksendungen gibt es seit 11. Jänner - erstmals auf diesem Sender - auch "Das Jüngste Gericht", die Kochshow. Präsentiert wird sie von Tobi Schlegl, einem Oliver-Auspitz-Lookalike (oder umgekehrt, was aber nicht Thema ist) mit ebensolchem Gehabe und Mundwerk. Schlegl wurde 1995 bei einem Casting von Viva entdeckt. Seither moderiert er unterschiedlichste Sendungen, vornehmlich Talkshows wie z.B. "Absolut Schlegl" auf ProSieben, eine Sendung, die allerdings wegen chronischer Quotenschwäche nach einem dreiviertel Jahr eingestellt wurde.
"Das Jüngste Gericht" ist eine Koch-Talk-Show mit Gästen wie dem deutschen Rapper Kool Savas oder dem Musikanarchisten Helge Schneider. Die Eingeladenen kochen mit Tobi Schlegl ein Gericht von - bisher - eher einfacher Natur, das man sich auch durchaus am Rechaud im Studentenwohnheim zubereiten kann. Im Falle von Helge Schneider war es - Bezug nehmend auf seine neueste Veröffentlichung "Das Möhrchen-Lied" - eine Karotten-Suppe. Assistiert wird dabei vom "Spülboy der Woche", der neben Küchenabfall wegräumen und Utensilien abwaschen auch die "Pornokamera" (!!??) bedienen soll. "Spülgirl" gab's bisher noch keines, die Sendung ist aber auch noch sehr jung. Dazwischen Musikvideos von blonden Sängerinnen oder Robbie Williams, eine ordentliche Portion Werbung und schließlich eine Art Starauftritt an der ebenfalls im Studio befindlichen Milchbar, bei der - wie es bei der zweiten Sendung der Fall war - Helge Schneider auf Kinderinstrumenten und Tobi Schlegl an der Erwachsenen-Gitarre Musik machten.
"Das Jüngste Gericht" ziele jedenfalls auf ein jüngeres Publikum, erklärt Stefan Kauertz, Programmdirektor von Viva. "Wir wollen zeigen, dass es nicht immer die Fertig-Pizza sein muss oder gekonntes Öffnen einer Dose Ravioli." Und wenn jetzt bei anderen Sendern wie ProSieben und RTL "gerüchteweise an ähnlichen Formaten" gearbeitet werde, mache es ihn stolz, "die Nase vorn zu haben".


Warum eine Kochsendung?

Ob man mit diese Intentionen zum Publikum durchgedrungen ist, scheint nicht ganz klar zu sein. In einer TV-Kritik im Spiegel Online stellt Johanna Straub zur ersten Sendung die Sinnfrage "Warum eine Kochsendung?", wenn man doch eigentlich talken möchte, und schreibt von einem "faden Süppchen", das da aufgetischt wurde. Das groß geschriebene "Jüngste" im Sendungstitel deute zwar auf die Zielgruppe hin, mutmaßt Straub weiter und schlägt den Bogen zur "Infantilität der Beteiligten". Geht man nach den Reaktionen in den Postings auf der Viva-Homepage und der Schlegl-Fanclub-Homepage, sind die Empfindungen überwiegend positiv. Was aber laut Stefan Kauertz "nicht überbewertet" werden möge, da man tendenziell eher "postet, wenn's einem gefallen hat".

Drei Jahre lang entwickelten Schlegl und Kauertz die Kochshow. Die Grundidee dazu stammt, so der Programmdirektor, von Tobi Schlegl, der dereinst in einer seiner Sendungen mit den "Ärzten" gekocht hatte. Daraus folgte die Erkenntnis, dass dabei eine ganz eigene angenehme Atmosphäre und ein privaterer Zugang zu Stars geschaffen wird. Natürlich kann es auch beim klassischen Stargeplauder über CD, Tournee und nächste Auftritte bleiben. Deutlich hatte man Alfred Bioleks "Alfredissimo" im Auge, wo sich Menschen aus Kunst, Sport und Politik und ab und an auch Gäste wie Majida El Bali, Hausfrau, in Marokko geboren und seit 30 Jahren in Deutschland lebend, vom Gastgeber in feinsinniges Geplauder über Gott und die Welt verwickeln lassen.

Der Trend der Zeit in Gestalt von Jamie Oliver und der BBC tat ein Übriges. Stefan Kauertz äußert sich zufrieden über die Quoten. Die Altersstruktur der Zuseher wurde noch nicht erhoben, da das Format noch zu kurz läuft. Der wichtigste Aspekt aber ist ein wirtschaftlicher. Man fand in der CMA, der Centralen Marketing-Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft, einen Sponsor, der "Interesse hatte, mit seinen Produkten an ein jüngeres Publikum ranzukommen". (Der Standard/rondo/Luzia Schrampf/31/01/03)

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