Immer Ärger mit Scott

    29. Jänner 2003, 21:40
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    Scott Ritter hat einen Feind: die Bush-Regierung und "einige neokonservative Idioten in Washington DC". David Wallis sprach mit dem Mann, der den Westen vor gravierenden Fehlern warnt.

    Für seine Anhänger ist Scott Ritter ein Held, einer, der seinem Land patriotische Dienste erweist, indem er gegen einen Krieg (in diesem Fall einen, der scheinbar unaufhaltsam ist) protestierte, den er für falsch und unmoralisch hält. Ritter "gehört erschossen", schäumte ein Kritiker des früheren UN-Waffeninspektors im Online-Forum von Paratrooper.com. "An deiner Stelle würde ich mir genau ansehen, was sich hinter mir abspielt."

    Ritter braucht wohl niemanden, der ihn daran erinnert. Nach eigenen Angaben überlebte er drei Mordversuche während seiner Zeit als UN-Waffeninspektor im Irak. Saddam Hussein bezeichnete ihn als CIA-Agenten, weil er den irakischen Geheimdienst oft mit aggressiven, überraschenden Inspektionen schockte. Nachdem Ritter 1998 von seinen UN-Posten zurückgetreten war und die Clinton-Administration öffentlich bezichtigt hatte, seine Versuche zu unterlaufen, die Waffenlager Saddam Husseins auszuheben, begann das FBI gegen ihn wegen Spionage für Israel zu ermitteln.

    Ursprünglich war der frühere Marine der Darling der Republikanischen Partei, da er Gegnern von Bill Clinton Material in die Hände spielte, damit sie ihn schlagen konnten. Aber die konservativen Kreise kehrten Ritter den Rücken, als er Endgame: Solving the Iraqi Problem Once and For all (erschienen bei Simon & Schuster) schrieb, in dem er die Meinung vertritt, dass Saddam auf diplomatischem Weg in die Pflicht genommen werden könne. Das Buch wird nächsten Monat neu aufgelegt.

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    STANDARD: Erst kürzlich erklärte Vizepräsident Cheney in einer Rede, dass "das Risiko durch Nichthandeln weit größer sei als das Risiko des Handelns".

    Scott Ritter: Ich bin im Hinblick auf den Irak keine Taube, ganz im Gegenteil. Aber ich kennen ihn weit besser als irgend jemand anderer in den USA, vielleicht sogar in der Welt. Mein Hintergrund ist der eines Waffenkontrolleurs, eines Militär- und Geheimdienstangehörigen. Diese Politik, das Regime zu stürzen, wird einfach so nicht funktionieren. Man sagt, dass der Irak die nationale Sicherheit der USA bedrohe. Im Moment erzählt man uns sogar, dass Saddam Hussein "wild" auf Massenvernichtungswaffen sei. Außerdem heißt es, dass Saddam Terroristen mit Waffen beliefere, die dann stellvertretend für den Irak die USA angreifen. Deshalb muss das Regime gestürzt werden. Und wir sollen nicht rumsitzen und darauf warten, dass uns der Irak angreift, damit wird gegen die Bedrohung vorgehen können. Klingt grundlogisch. Ich unterstütze das zu 100 Prozent. Das würde ich wirklich - wenn es wahr wäre. Es stimmt nicht, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt. Die Waffeninspektoren haben 90 bis 95 Prozent der irakischem Massenvernichtungskapazitäten zerstört. Von den fünf bis zehn Prozent, die noch da draußen sind, wissen wir einfach nicht, wofür sie gedacht sind. Sollte der Irak versuchen, wieder Massenvernichtungswaffen zusammenzubasteln, würde das schnell erkannt werden - nicht nur vom US-Geheimdienst, sondern auch von Israel, Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Kein Land hat einen glaubwürdigen Beweis vorgelegt, durch den Behauptungen gestützt würden, dass der Irak wieder Waffen baut.

    STANDARD: Ihre Theorie besagt, dass Saddam nichts unternommen hat, um wieder an Massenvernichtungswaffen zu kommen?

    Ritter: Saddam will überleben. Ganz einfach. Deshalb weiß er auch, dass Massenvernichtungswaffen Selbstmord bedeuten. Eines weiß ich über Saddam, nämlich dass er als "unfehlbarer Führer" gilt. Und in den Augen des irakischen Volkes darf Saddam, sobald er einmal etwas gesagt hat, nicht widersprochen werden. Zu Beginn dieses Jahres sagte Saddam, dass er auf Massenvernichtungswaffen verzichtet. Für mich bedeutet das, dass er keine hat, eben weil Saddam "unfehlbar" ist.

    STANDARD: Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist der Ölpreis heuer über die 30-Dollar-Marke gesteigen. Glauben Sie, dass ein Krieg verhindert werden kann, nachdem die Ölfirmen und Opec-Länder ihre Profite gemacht haben?

    Ritter: Dieser Krieg hat nichts mit Öl zu tun. Der irakische Ölminister hat mir erzählt, dass der Irak mit den USA zusammenarbeiten wird, sobald die Sanktionen einmal aufgehoben sind, damit die Öl-Nachfrage erfüllt wird. Wir bekommen bereits Zugriff auf alles irakische Öl, das wir wollen - schon während der Sanktionen und auch danach. In dem Krieg geht es um politische Ideologien. Es geht um einen Haufen Neokonservativer in Washington DC, die sich die Frage der nationalen Sicherheit der USA auf ihre Fahnen geheftet haben, um ihre eigenen politisch motivierten Ziele zu verfolgen. Diese Leute - Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und andere - verfolgen eine einseitige Politik und benützen die Stärke Amerikas, um globale Herrschaft zu erlangen. Sie haben viel politisches Kapital eingesetzt, um Regime zu stürzen, indem sie sich selbst rethorisch in einer Ecke festnageln. Sie haben sooft gesagt: "Wir müssen Saddam Hussein stürzen", dass ihnen gar keine andere Wahl bleibt.

    STANDARD: Nehmen wir einmal an, dass ein möglicher Krieg mit einem Sieg der USA endet. Was wird Amerika unternehmen müssen, um einen Irak nach dem Krieg zu regieren?

    Ritter: Sie gehen von einem Sieg aus. Wenn Saddam seine Städte mit der Republikanischen Garde verstärkt, besonders im sunnitischen Kernland, wird etwas Ähnliches passieren wie in Grosny. Und wenn uns Saudi-Arabien nicht unterstützt, sprechen wir von einer Invasion über einen einzigen Korridor: Kuwait.

    STANDARD: Was ist mit der Türkei?

    Ritter: Bagdag vom Norden aus zu erreichen ist geographisch unmöglich. Um mit 250.000 Mann und mehr einzumaschieren, muss man der amerikanischen Öffentlichkeit schon einen großen Krieg verkaufen. Und die Bush-Administration verkauft keinen großen Krieg, sie propagieren "Kurz & Schmerzlos". Ein Huhn in fünf Minuten fertig fürs Abendessen. Aber nichts an diesem Krieg kann kurz und schmerzlos sein. Natürlich können wir gewinnen, aber wir werden zehntausende Iraker töten .... und zwar nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten.

    STANDARD: Wird die irakische Bevölkerung in den Straßen tanzen, wenn die USA Saddam gestürzt haben? Oder glauben Sie, dass er mehr Rückhalt in der Bevölkerung hat, als viele glauben?

    Ritter: Ganz sicher! Er war zu keiner Zeit seit dem Golfkrieg beliebter. Saddam hat die Wirtschaftssanktionen gegen das irakische Volk ganz zynisch für eigene politischen Ziele genutzt, indem er die Schuld von sich selbst auf die USA lenkte .... Die Iraker, die unerhört gelitten haben, mögen Saddam nicht, aber sie haben sich um ihn und sein Regime geschart, weil sie uns noch mehr hassen. Im Falle einer Invasion erhalten wir möglicherweise Unterstützung von einigen der Schiiten oder der Kurden, aber Sunniten werden sich nie gegen Saddam erheben. Sie werden mit Zähnen und Klauen kämpfen.

    STANDARD: Gibt es einen chemischen oder biologischen Wirkstoff, den die Iraker hatten oder möglicherweise noch immer haben, der Ihnen schlaflose Nächte bereitet?

    Ritter: Das gefährlichste, das die Iraker jemals haben hätten können, war eine Atomwaffe. Die Atomwaffe, die der Irak zu bauen versuchte, hätte aber nicht durch eine Bombe oder eine ballistische Rakete gezündet werden können. Es war ein großes, unhandliches Ding, das sie vergraben und zünden wollten, um die Welt wissen zu lassen, dass sie die Bombe haben. Was die biologischen Waffen anlangt, ist es dem Irak nie gelungen, etwas zu entwickeln, mit dem Anthrax versprüht werden konnte. Es ist ihnen nie geglückt, es in ein trockenes Pulver zu verwandeln. Ein biologische Waffe des Irak würde nur töten, wenn sie jemanden auf den Kopf fällt. Was chemische Waffen anlangt, haben sie es bis jetzt nicht geschafft, präzise Nebelsprüher zu erzeugen, mit denen sie den tödlichen Wirkstoff flächendeckend verteilen können. Ob ich ruhig schlafe? Sehr - darauf können Sie sich verlassen.

    STANDARD: Haben Sie während Ihrer Mission etwas gesehen, dass Sie wirklich geschockt hat?

    Ritter: Es war, die Brutalität, mit der Saddam sein Volk unterdrückt. Das Schlimmste, was ich gesehen habe, war das Kindergefängnis im Zentrum von Bagdad. Vielleicht 200 Kinder vom Kleinkind bis zu 12-jährigen. Das einzige Verbrechen dieser Kinder war, von jemandem abzustammen, der wegen eines politischen Verbrechens verurteilt worden war.

    STANDARD: Saddam ist 65. Gerüchteweise heißt es, dass er nicht bei bester Gesundheit sei. Glauben Sie, dass Washington verhindern möchte, dass möglicherweise einer seiner gewalttätigen Söhne die Macht übernimmt, deren Verhalten nicht vorhersehbar ist?

    Ritter: Ich glaube nicht, dass Washington genug weiß, um die Gedankengänge von Saddams Söhnen zu verstehen. Zwei sind von Bedeutung: Uday und Qusay, wobei Uday der verrücktere von beiden ist. Es ist ein Psychopath, ein Vergewaltiger und Mörder. Ich wäre beunruhigt, wenn Uday an die Macht käme. Er ist gefährlicher als Saddam jemals sein kann.

    STANDARD: Ist Saddam nach Ihrer Theorie kein Psychopath?

    Ritter: Saddam ist ein kalter, berechnender Stammesfürst. Die Sunniten sind heute keine homogene Einheit. Saddams Abu-Nasir-Clan hat sich durchgesetzt, und Saddam regiert aus dieser Machtposition heraus. Saddam verhält sich auf eine Art, die wir hier im Westen als psychopathisch bezeichnen würden, aber im Irak spiegelt das nur die Notwendigkeit wider, als Stammesführer zu regieren.

    STANDARD: Das FBI ermittelte gegen Sie wegen Spionage für Israel...

    Ritter: Es ermittelt noch immer - Sie sollten keine Vergangenheitsform verwenden. Ich war zwölf Jahre bei den Marines. Habe in Desert Storm gekämpft. Wurde dort ausgezeichnet. Belobigungen vom CIA für meine Geheimdienstarbeit vor Desert Storm. Gegen mich ermitteln? Wo kommen sie damit durch?! Sie sagen, dass ich ein israelischer Spion sei, aber das FBI hat zugegeben, dass es nicht daran interessiert ist, mich anzuklagen. . Aber der Akt wurde noch nicht geschlossen. Sie lassen ihn offen, damit sie Druck auf mich ausüben können. Wissen Sie, ich spioniere nicht nur für Israel. Ich bin auch ein irakischer Spion. Als ich rüber ging, um meinen Dokumentarfilm zu machen, hat das FBI einen neuen Akt über mich angelegt. Sie haben auch einen über meine Frau. Sie ist aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie sagen, dass sie eine KGB-Agentin ist.

    STANDARD: Hegen Sie heute tiefere patriotischere Gefühle als seinerzeit, als Sie zum Militär gegangen sind?

    Ritter: Ich würde für mein Land sofort mein Leben geben. Als Offizier des Marine Corps habe ich Begriffe wie Ehre, Vaterland, Integrität, Wahrheit und Gerechtigkeit verinnerlicht, Meine Aufgabe war es, meinem Boss nicht zu erzählen, was er hören wollte. Sondern was die Fakten sind.

    STANDARD: Fühlen Sie sich von Ihrem Land betrogen?

    Ritter: Nein, nicht mein Land hat mich betrogen, sondern einige Idioten in Washington DC.

    STANDARD: Haben Sie für Bush gestimmt?

    Ritter: Ich habe George Bush gewählt, ich bin Republikaner.

    STANDARD: Wird er ihre Stimme wieder bekommen, sollte er noch einmal kandidieren?

    Ritter: Sicher nicht. George Bush sagte, dass er ein "mitfühlender Konservativer" sei. Dass er nicht erlauben würde, dass Vermessenheit in die amerikanische Außenpolitik einkehrt. Ich habe ihm geglaubt. Er sagte, dass er über Parteigrenzen hinweg eine Regierung bilden werde, die das amerikanische Volk repräsentiert. Er hat gelogen. Neokonservative, ideologisch rechts außen angesiedelte Politiker geben heute bei der nationalen Sicherheit und in der Innenpolitik den Ton an.

    STANDARD: Als Waffeninspektor sind Sie viel im Irak herumgekommen. Wir hören immer nur von der hässlichen Seite dieses Landes. Was sind die schönen?

    Ritter: Ich schätze die totalen Kontraste in der irakischen Wüste. Ich liebe den Morgen in der Wüste, und ich liebe die Abende. Und die Sonnenuntergänge. Es ist einfach wunderschön, wenn Regen fällt, den Staub aufnimmt und man die Erde riechen kann. Das irakische Volk ist eines der warmherzigsten, mit dem ich im Leben Kontakt hatte. Sie haben dieselben Ziele und Wunschvorstellungen wie wir alle. Sie möchten, dass ihre Kinder ein besseres Leben haben, und sie haben dieselben Probleme miteinander. Sie sind sehr offen Fremden gegenüber. Ihre Gastfreundschaft ist ungeheuer groß. Wo immer man hinkommt, gibt es Ruinen, Ziggurats, Moscheen, die vor langer, langer Zeit errichtet wurden. Ich habe meine Inspektoren-Kollegen gewarnt, dass sie sich nicht von der Großartigkeit des Irak blenden lassen. Wir mussten uns auf unsere Aufgabe konzentrieren, weil man sehr leicht abgelenkt werden kann. Sehr leicht. (© Featurewell New York Übersetzung: Luzia Schrampf DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2002)

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