100 minus Lebensalter = Börsenerfolg

22. Jänner 2003, 09:43
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Aktienmärkte haben durchaus einige Gemeinsamkeiten mit einer Achterbahn - Gastkommentar von Michael Margules

Seit mehr als fünf Jahren haben die Aktienmärkte durchaus einige Gemeinsamkeiten mit einer Achterbahn. Nach einem sehr steilen Anstieg in den sogenannten TMT-Titeln, also Telekom, Telekommunikation und Technologie, waren sich viele Investoren plötzlich einig, dass ein neues Zeitalter mit sehr gedämpften wirtschaftlichen Zyklen angebrochen sei. Doch wie allerorts heutzutage bekannt und leider konnte auch die „Aktien-Schwerkraft“ nicht aufgehoben werden. Doch auf der Achterbahn ist nach spätestens fünf Minuten der Spaß vorbei, und Sie haben wieder sicheren Boden unter den Füßen. Doch wie sieht es an den Aktienmärkten aus?

Von den „goldenen“ Neunzigern und deren Theorien...

Während der Neunzigerjahre haben sich die meisten Investoren im Aktienmarkt auf eine Kaufen-und-Halten-Strategie (Buy and hold) beschränkt. Der Erfolg dieser Strategie basierte auf zwei Erkenntnissen:

  1. Die Hausse hat praktisch alle Aktien steigen lassen, daher war ein aktives Vorgehen nicht notwendig. Einzig der Aktienanteil mußte in den Portfolios genügend hoch sein – nach dem Motto je aggressiver desto besser.
  2. die Aktienmärkte sind effizient, das heißt es gibt keine Strategie, die längerfristig einen besseren Ertrag als die Marktrendite erreicht.

Galt und ging dies für eine an den Börsen noch nie da gewesene lange Zeit o.k., gingen seit Frühjahr 2000 mit eben genau dieser Strategie reihenweise k.o., und dabei insbesondere die institutionelle Kundschaft (diverse Versicherungen und Martin Ebners lassen grüßen...). Trotzdem oder vielleicht besser gerade deswegen ist unbestreitbar, dass Aktien trotz der drei aufeinander folgenden enttäuschenden Börsenjahren weiterhin ins Portefeuille gehören.

Daran lässt u.a. auch die drittgrößte Fondsgruppe in Deutschland, Union Investment, mit einem Anlagevermögen von rund 60 Milliarden Euro in einer jüngsten Studie keine Zweifel. Ja, vielmehr noch wagen sich die Anlageprofis der Union mit der Aussage „Grund zur Zuversicht bieten für die nächsten Jahre aber auch Aktienanlagen“ sogar auf im Moment recht heikles und glitschiges Terrain. Union Investment führt dafür drei grundlegende Beobachtungen ins Feld:

  1. Erstens sind fast alle Aufschwungphasen aus depressiven Marktlagen heraus entstanden
  2. Zweitens haben die Unternehmen ihre Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Geschäftsmodelle werden überdacht, Überkapazitäten konsequent abgebaut und Prozesse effizient gestaltet.
  3. Drittens greifen die Börsen, der Gesetzgeber oder die Aufsichtsbehörden korrigierend ein, indem Vorschriften hinsichtlich Publizitätspflichten oder Bilanzierungsbestimmungen verschärft und strenger kontrolliert werden, um so die Voraussetzungen für neues Vertrauen zu schaffen.

„Per saldo also gute Aussichten für wieder steigende Kurse“, resümiert das Fondsunternehmen, räumt aber ein, dass es auch viele Fragezeichen gibt. Und weiters stellt die Fondsgesellschaft fest, es wäre wichtiger respektive richtiger zu fragen, nicht so sehr „Wann?“, sondern „Wie viel?“ man in Aktien investieren soll. Auch darauf haben die Union-Leute mit deutscher Gründlichkeit einen groben Hinweis parat, und nennen für die Einstufung der „richtigen“ Aktienquote die Regel „100 minus das Lebensalter“. Dieses Resultat muss dann selbstredend noch individuell nach unten oder oben angepasst werden – je nach Vermögenssituation, Anlageziel, Anlagehorizont und Risikobereitschaft.

...zu den ernüchternden Perspektiven der Gegenwart und Zukunft

Nicht nur die schwelende Irak-Krise und die Gefahr von Terrorangriffen auf die westliche Welt schweben unverändert wie ein Damoklesschwert über den Börsen, und sorgen für Unbehagen und anhaltende Lethargie an den Aktienmärkten. Seit Anfang letzter Woche ist nun auch die Berichts-Saison in Schwung gekommen und gab den Investoren zumindest einige Impulse. Nachdem die Zeit, in der Unternehmen in der Regel die Warnungen vor Gewinneinbrüchen ad hoc an die Investoren-Gemeinde schicken, recht glimpflich und ohne Hiobsbotschaften vorübergegangen war, waren die ersten Firmen-Ergebnisse aus den USA gemischt.

Zwar hat die Mehrzahl der Unternehmen von Yahoo über Intel bis hin zu General Motors die Erwartungen der Analytiker erfüllt oder sogar übertroffen, doch mit IBM, Apple, Sun & Konsorten enttäuschten auch einige Firmen. Selbst die sich wieder, angesichts des ohnehin äußerst tiefen Niveaus des Vorjahres bzw. der Vorjahre, aber nicht wirklich entscheidend verbessernden Unternehmenskennzahlen werden vor allem von Kostenreduktionen und weniger von höheren Umsätzen oder Gewinnen getragen. Insgesamt haben die ersten Zahlen keinen deutlichen Aufschwung und schon gar keine Euphorie ausgelöst.

Mit einem nach wie vor mehr als stotternden Konjunkturmotor und Zinsen, die mittlerweile auf einem Niveau angelangt sind, das den Spielraum der Notenbanken deutlich eingeengt hat, nebst „Kleinigkeiten“ wie einer drohenden Immobilienblase in Großbritannien und den USA, wird es den Anlegern summa summarum auch heuer alles andere als leicht gemacht, mit Dividendenpapieren überdurchschnittliche Renditen zu erzielen. Dementsprechend muss jemand im Moment schon ein sehr goldenes (Aktien)Händchen besitzen, um an den Börsen via Stock-Picking zu reüssieren – und dies haben die meisten erstens ohnehin kaum beherrscht, und zweitens ist es wohl in den Jahren des Aufschwungs von 1982 bis 1999 in Vergessenheit geraten!

Nachlese

--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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