USA haben EU wieder abgehängt

30. Dezember 2002, 20:37
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Europa hat Aufholbedarf: Vor allem Forschung und Infrastruktur sind entwicklungsbedürftig

Wien - Mit markigen Ansagen hat die Europäische Union noch selten gegeizt. Bis 2010, so postulierten im März 2000 die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitglieder bei ihrem Gipfel in Lissabon, soll die EU die USA wirtschaftlich überflügeln und gar "zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt" werden.

Aber knapp zwei Jahre nach Lissabon ist das Ziel nicht näher gerückt, sondern weiter weg. Zwar ist der Euro dank Dollarschwäche wieder über die Paritätsmarke geklettert. Aber bei allen wesentlichen Wirtschaftsdaten wie Wachstum, Beschäftigtenzahl und Produktivität, weisen die USA bessere Werte als die EU auf. Und dies ist nicht nur eine Bestandsaufnahme in der Wirtschaftsflaute, sondern ein langfristiger Trend seit Mitte der 90er-Jahre, wie der Wirtschaftsforscher Karl Aiginger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) erhoben hat.

USA zieht davon

In einer umfangreichen Vergleichsstudie zwischen der EU und den USA, die Aiginger vor kurzem bei einem Studienaufenthalt in Stanford (Kalifornien) fertig stellte, rechnete der Wirtschaftsforscher penibel nach, dass Europa zwar seit 1945 einen großen Aufholprozess geschafft hat und den Abstand zur Wirtschaftsmacht Nummer eins in jedem Jahrzehnt um 20 bis 25 Prozent verringern konnte.

Aber seit 1995, als die Lücke kurz geschlossen werden konnte , zogen die USA wieder nachhaltig davon. Aiginger sieht in den traditionell hohen US-Aufwendungen für Forschung und (Hochschul-)Bildung den Hauptgrund, warum in die- ser von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) getriebenen Wirtschaftsphase die USA Europa wieder abhängten. "Amerika hat immer schon mehr in wirtschaftsrelevante Forschung investiert", erklärte Aiginger gegenüber dem STANDARD, "das ist in dieser Zeit der IKT besonders schlagend geworden", da das innovative System der USA "viel besser geeignet ist, neue Technik rascher zu installieren". Während IKT in den USA jährlich rund einen Prozentpunkt zum Wachstum beitrugen, lag dieser Faktor in der EU nur bei einem halben Prozentpunkt - eine Art "Strafe", die aus späterer Adaption und weniger intensiver Nutzung der neuen Technologien resultiere, schreibt Aiginger in seinem Bericht.

Vorsprung bei Handysektor

Der Handysektor sei der einzige Bereich, in dem die EU einen technologischen Vorsprung entwickelt habe, hingegen seien "bei Software, Wertschöpfung und Diensten die USA technologisch führend". Europa sei mit anderen Problemen beschäftigt gewesen - wie der hohen Arbeitslosigkeit in Frankreich, der deutschen Wiedervereinigung oder dem Nord-Süd-Gefälle in Italien. Aber "hoch entwickelte Wirtschaften wachsen nur mit neuer Technologie - nicht mit mehr Leuten".

Das Resultat sei ein dauerhaft anderes Wachstumsniveau zwischen den beiden Volkswirtschaften, sagt Aiginger: Die Normalität der USA liege bei einem jährlichen Wirtschaftswachstum von drei bis vier Prozent, das der EU hingegen bei zwei bis 2,5 Prozent; wenn es - wie im abgelaufenen Jahr - "schlechter wird, dann kommen die USA immer noch auf zwei Prozent Wachstum, die EU hingegen auf null". Das höhere Wachstum sei aber auch der Grund für ein geringeres Niveau der Arbeitslosigkeit in den USA im Vergleich zur EU.


Doppelstrategie

Um den Abstand wieder zu schließen, sieht Aiginger nur einen Weg: die Erhöhung der EU-Forschungsquote auf drei bis 3,5 Prozent durchzusetzen und in wirtschaftsnahe Ausbildung zu investieren. "In der Lissabon-Strategie ist alles drinnen, aber sie wird nicht durchgesetzt." Anstelle dessen gebe es eine Fixierung auf die Defizitkriterien, was zwar "Vorbedingung, aber nicht hinreichend ist".

So wie beim Defizit müsse es auch beim Nichteinhalten von Forschungsquoten "blaue Briefe" geben, sagt Aiginger. "Wir brauchen eine Doppelstrategie: Kosten runter, aber gleichzeitig in die Zukunft investieren." Der Erfolg der vier wachstumsstärksten EU-Länder - Finnland, Schweden, Niederlande, Dänemark - zeige, dass beides gehe. "Schweden hat trotz der größten Krise seines Systems vor ein paar Jahren eine Forschungsquote von 3,8 Prozent." (Helmut Spudich, Der Standard, Printausgabe, 31.12.2002)

  • Bis 1995 hat sich die Wirtschaft der EU kontinuierlich an die Vereinigten Staaten herangearbeitet, seither ziehen die USA wieder davon. In erster Linie sei dafür die geringere EU-Forschungsquote verantwortlich, sagt Wirtschaftsforscher Karl Aiginger.
    foto: cremer

    Bis 1995 hat sich die Wirtschaft der EU kontinuierlich an die Vereinigten Staaten herangearbeitet, seither ziehen die USA wieder davon. In erster Linie sei dafür die geringere EU-Forschungsquote verantwortlich, sagt Wirtschaftsforscher Karl Aiginger.

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