"Robotic Angel": Babylonisches Patchwork

23. Juli 2004, 16:13
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Rintaros "Robotic Angel": Eine gelungene Anime-Variante von Fritz Langs Blockbuster "Metropolis"

Wien - "Geschichten wiederholen sich", heißt es einmal in Rintaros Robotic Angel. Und manche Geschichten fordern eine Relektüre heraus, vor allem dann, wenn sie von der Zukunft erzählen. Fritz Langs Stummfilm-Blockbuster Metropolis ist so ein Text, der im Lauf der Jahrzehnte immer wieder neue Lesarten erfuhr, in den sich jede Zeit aufs Neue einrichten kann und derart eigene Sichtweisen freilegt.

Mit Robotic Angel - dessen japanischer Originaltitel auch Metropolis lautet, welcher im deutschen Sprachraum jedoch geschützt ist - liegt nun eine Anime-Variante des Films vor, und bedenkt man, dass so gut wie alle wesentlichen SciFi-Beiträge der letzten Jahre auf diesem Gebiet (Ghost in The Shell) aus Japan kamen, dann ist dieser Rückgriff nur logisch: Der Film basiert auf einem Manga aus dem Jahr 1949 von Osamu Tezuka, einem der Erfinder jener so erfolgreichen Comics.

Gezeichnet wurde er unter dem Eindruck von Hiroshima - von Langs Film soll Tezuka angeblich nur das Poster gekannt haben. Betrachtet man nun den Film von Rintaro alias Shigeyuki Hayashi, so zeigt sich jedoch, dass die Bezüge stark sind: Beibehalten wurden etwa der Vater-Sohn-Konflikt von Thea von Harbous Urfassung genauso wie zentrale Figuren und der Entwurf der Stadt als Utopie.

Umgekehrt fließen zahlreiche neue Zitate ein: Es ist etwa ein schrulliger japanischer Noir-Detektiv, der gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Kenichi das verschwörerische Netzwerk aus politischen Intrigen zu entflechten versucht. Dabei kommt dem Cyborg-Mädchen, engelhaft mit blonden Strähnen gezeichnet, eine bedeutende Rolle zu: An ihr wird es sich erweisen, ob die Maschinenwesen gegen die menschlichen Unterdrücker eine Chance haben - indem sie zunächst als Mensch fühlen und erst dann als Roboter zerstören lernt.

Rintaro entwirft Robotic Angel auch visuell als Patchwork unterschiedlicher Stile: So treffen auf großäugige Mangafiguren avancierte Computeranimationen. Dominieren in der ersten, offiziellen Zone der Stadt große Fluchten und Wolkenkratzer das Bild, offenbart er darunter eine Subkultur, in der Bigband-Musik gespielt wird und die Szenerie eher einem untergegangenen Altstadtkern gleicht. Die Kontraste erhöhen den Schauwert des Films, der generell eher auf atmosphärische Details (Schneetreiben, riesige Fische hinter Glas, Dr. Strangelove-Finale) setzt, in der Animation von Action- und Bewegungsserien dafür etwas behäbig wirkt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2002)

  • Ein engelhaftes Cyborg-Mädchen und der Entwurf der Stadt als Utopie: "Robotic Angel" von Rintaro
    foto: polyfilm

    Ein engelhaftes Cyborg-Mädchen und der Entwurf der Stadt als Utopie: "Robotic Angel" von Rintaro

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