Harvard für Sinnsuche

11. Dezember 2002, 16:13
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Wer sind die Menschen, die im heutigen Amerika in Workshops nach einem selbstbestimmten Leben abseits alter Karrieremuster suchen? Was sind die Trends am US-Markt für ganzheitliches Lernen? Ein Lokalaugenschein

Auffallend an allen Trends ist die Kombination von alten Weisheitslehren und moderner Psychologie. Es gibt keine Berührungsängste mehr zwischen den klassischen Wissenschaften und den so genannten esoterischen Lehren. Professoren renommierter Universitäten wie Harvard und Stanford treten heute selbstverständlich in Workshops mit tibetischen Mönchen auf.

Das Spektrum reicht von Schamanismus bis zur Gestalttherapie und allen Arten von Körpererfahrungen - erlaubt ist alles, was Menschen bei ihrer Entwicklung weiterhilft. So besuchen zum Beispiel jährlich 25.000 Menschen die Workshops des größten Anbieters im Bereich des ganzheitlichen Lernens in den USA "Omega" - quasi eine "Harvard-Universität für Sinnsuchende". Elisabeth Lesser, Gründerin von "Omega", definiert das Entscheidungskriterium für das Curriculum ihres Instituts: "Wichtiger als die breite wissenschaftliche Akzeptanz eines Themas ist für uns die Seriosität unserer Fakultätsmitglieder."

Die bei uns noch immer sehr strikte Grenze zwischen Wellness (nur Körper), klassischen Fortbildungsseminaren (nur Verstand) und esoterischen Inhalten löst sich in den USA immer mehr auf, was sich auch in einer äußerst heterogenen Teilnehmerstruktur widerspiegelt: Der erfolgreiche Manager, die selbstständige Unternehmerin oder die junge Künstlerin sind die Regel.

Bestes Beispiel für diesen Wandel ist das Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien: Esalen, nach einem indianischen Stamm benannt, begann in den 60ern als eine verwegene Kommune mit Sex, Drugs und Rock 'n' Roll, wurde aber durch seine ersten Workshops schnell zu einem Treffpunkt außergewöhnlicher Menschen in den Bereichen Musik, Psychotherapie und östliche Weisheiten. Hier begegneten sich Menschen von Susan Sontag bis Joan Baez, von Henry Miller bis Jane Fonda. In Esalen lehrten Legenden wie Aldous Huxley oder Fritjof Capra.

Was hat sie alle an Esalen gereizt? Zweifellos die Atmosphäre des Ortes - über den Felsen, Blick aufs Meer . . . Der Mythos ist heute noch erlebbar. Geschäftsführer David Price: "Im Vordergrund steht nicht die Marktfähigkeit von Seminaren, sondern das Außergewöhnliche. Was populär ist, ist noch nicht innovativ." Esalen gilt als Mutter der Gestalttherapie. Hier trifft man im Seminar "Die Kunst zu Führen" Disney-Manager oder Spitzenpolitiker genauso wie Krankenschwestern, die sich innerhalb der Ärztehierarchie besser durchsetzen möchten. Nicht der Traum vom schnellen Glück, sondern die gemeinsame Suche nach persönlichem Wachstum zeichnet alle Workshops aus. Es entsteht eine Atmosphäre aus Lernen, Selbsterfahrung und Realitätsflucht.

Die Verantwortung für die richtige Wahl aus dem riesigen Angebot auf dem US-Markt nimmt einem niemand ab. Die Mahnung von Sam Keen, selbst Guru, den "Bulshit Detector" immer eingeschaltet zu lassen, unterscheidet sich von vielem, was man von selbst ernannten Stars im deutschsprachigen Raum hört. Auswirkungen in Österreich? Das Kernthema der Vereinbarkeit von Karriere und einem sinnerfüllten Leben in einer Hochleistungsgesellschaft gewinnt bei uns an Bedeutung - die schwierige Wirtschaftslage wird daran nichts ändern. Unter Karriere wird man in Zukunft vor allem verstehen, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Für Unternehmen besteht daher die große Herausforderung darin, ihre Mitarbeiter bei der Suche nach einem dritten Weg zwischen Identifikation mit dem Job und dem Totalausstieg zu unterstützen. (DER STANDARD, Prinatausgabe, 7./8.12.2002)

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Wissen
Karriereschulen in den USA

Der Autor Andreas Salcher ist Top-Management-Coach
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