Das kurze Leben des todgeweihten Ecopunto

5. Dezember 2002, 20:03
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Außerhalb seiner Heimat hat der Ökopunkt kaum Freunde. Allen Nachbarn Österreichs ist er zutiefst verhasst, vor allem, wenn diese Nachbarn daheim einen Lkw stehen haben, der zum Beispiel lebendige bayerische Schweine nach Italien hin- und würzigen Parmaschinken nach Bayern zurücktransportieren soll.

Die Freunde des Ökopunkts leben vor allem in Tirol. Sie teilen sich in drei Gruppen: Die Ersten haben daheim einen Lkw stehen, der zum Beispiel lebendige bayerische Schweine nach Italien hin-und würzigen Parmaschinken nach Bayern zurücktransportiert. Die Zweiten haben einfach nur sensible Atemwege, die die qualitativ hochwertigen Rußpartikel eines österreichischen Brummis sehr gut von den ekligen Dreckschwaden eines bayerischen Stinkers unterscheiden können. Den Dritten aber liegt tatsächlich viel an ihrer Gesundheit und am Schutz der Alpen.

Die größten Feinde des Ökopunkts leben in Italien und heißen Lunardi oder Caveri: Diese Menschen sind so schlecht auf den "Ecopunto" zu sprechen, dass sie ultimativ auf seinem vertraglich lange angekündigten Tod am 31. 12. 2003 bestehen. Soweit es diesen garstigen Italienern hier allein um den Namen geht, sind die Eltern des Ökopunkts, sie leben in Wien, bereit, ihr Kind zu opfern.

Der Ökopunkt als Ökopunkt ist damit todgeweiht. Und das in seinem zehnten Lebensjahr! Doch obwohl kaum indische Lkw die Alpen queren, glauben Ecopuntos Eltern, dass er sofort wiedergeboren werden soll. Als Alpenfleck? Brennerscheibe? Transitrundstück? Austria-Dot?

Des Ökopunkts kurzes Leben war vom Abschiednehmen geprägt. Nicht nur Abschied von mehreren freiheitlichen Verkehrsministern, die auf internationalem Parkett nicht so recht mit ihm umzugehen wussten. Abschied aber auch von vielen, vielen Brüdern: Am Anfang hatte der Ökopunkt noch rund 23,6 Millionen Geschwister, an seinem Todestag werden nur mehr 9,3 Millionen von ihnen übrig sein.

Der Ökopunkte-Tod war im Transitvertrag von langer Hand geplant: je weniger Punkte, desto weniger Abgase, so das Prinzip. Vermehrung ausgeschlossen. Ein Fall für Den Haag? Oder zumindest doch für Kopenhagen, wie seine Wiener Eltern meinen?

Noch schlimmer für den kleinen Segensbringer war nur die Verwandlung, die er am 1. Jänner 1998 erlebte. Der sympathische Papierpunkt, den böse ausländische Frächter auf eine "Ökokarte" zu kleben hatten, wurde millionenfach in eine seelenlose Computermaschine namens "EcoTag" gezwängt. Bei der elektronischen Abbuchung anlässlich des Grenzübertritts sieht daher kaum noch ein zeitgenössischer Ökopunkt die herrliche Natur, zu deren Schutz er erschaffen und berufen wurde. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2002)

von Jörg Wojahn
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