Verspielte Weltklasse

6. Dezember 2002, 11:49
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Gestalter Achille Castiglioni, Miterfinder des "Italienischen Stils", starb 84-jährig in Mailand

Fast 60 Jahre lang entwarf er Objekte, die heute noch in Museen, Büros und Wohnungen in aller Welt zu finden sind.


Ein schaukelnder Fahrradsitz, ein ziemlich umgemodelter Traktorensessel, vom Plafond herabbaumelnde Fernsehgeräte. Die Besucher der Ausstellung "Forme e colori nella casa di oggi" staunten nicht schlecht, als sie im Jahre 1957 durch die surreal anmutende Schau der Brüder Achille und Pier Giacomo Castiglioni in Como spazierten. Viel verrieten diese "Readymade"-Designs über die Idee der Gestaltung aus dem Hause Castiglioni, in dem neben Achille und Pier Giacomo auch Bruder Livio emsig am Werken war. Letzterer - Ältester der Castiglioni-Designer - starb 1979, Pier Giacomo 1968 und Achille, der jüngste der drei, vergangenen Montag.

Seine Arbeitsweise basierte darauf, dass ein Einrichtungsszenario weit weniger von gestalterischer Harmonie und Stil abhängt denn vom einzelnen Objekt selbst. Und daraus schuf Castiglioni einen ganzen Kosmos. Von Ausstellungsdesign über Besteck, Möbel, Leuchten, Radios bis hin zu Uhren hat der Absolvent eines Architekturstudiums am Politecnico di Milano (an dem er später selbst lehrte) so ziemlich alles in Form gebracht, was den Menschen im Alltag begleitet. Die beeindruckende Liste seiner Auftraggeber reicht von Alessi bis Zanotta, dazwischen finden sich Namen wie Flos, Olivetti, Artemide und zahlreiche mehr.

Trotz seiner Verbundenheit mit einer rationalen Arbeitweise witzelte Castiglioni immer wieder über allzu ernsten Funktionalismus. Der Designer tat dies mit seinem Traktorensessel "Mezzadro", seiner wurmartigen Leuchte "Boalum", dem kleinen Tisch "Cumano" und vielen Objekten mehr. Castiglioni, der seine Arbeit im Designstudio seiner älteren Brüder an der Mailänder Piazza Castello im Jahre 1944 aufnahm, wurde mit sieben Compassi d'Oro und vielen anderen Designpreisen überhäuft.

Castiglioni liebte es, mit Gegenständen zu spielen, an ihnen herumzutüfteln. Darin sah er die wahre Leistung des Designers, oder wie er es ausdrückte: "Design hat es schon immer gegeben. Die Idee für die Erneuerung eines Gegenstandes findet man bei seiner Betrachtung." (DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2002)

  • Auch die Liebe zum Design geht druch den Magen: Achille Castiglioni (1918-2002) und eine Besteck- Kollektion für Alessi
    foto: alessi

    Auch die Liebe zum Design geht druch den Magen:
    Achille Castiglioni (1918-2002) und eine Besteck- Kollektion für Alessi

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