In den Gerichtsfall Gross kommt wieder Bewegung

4. Dezember 2002, 13:20
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Neues Gutachten: Ehemaliger NS-Psychiater "ist voll rechtsfähig"

Wien - Knalleffekt im seit Monaten stehenden NS-Ärzteprozess um Beihilfe zum mehrfachen Kindsmord an der früheren Wiener Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund": Der angeklagte, aber angeblich verhandlungsunfähige Wiener Hirnforscher Heinrich Gross "ist voll rechtsfähig".

Zu dieser Auffassung kommt das Bezirksgericht Purkersdorf aufgrund eines neuen Gutachtens. Die Bestellung eines Sachwalters für den greisen, vermeintlich dementen ehemaligen SA-Arzt wurde vom Bezirksrichter mit der Begründung abgelehnt, dass Heinrich Gross sehr genau verstehe, was ihm vorgeworfen werde und um was es gehe - zunächst einmal um die Aberkennung seines Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst erster Klasse.

Der entsprechende Gerichtsbescheid wurde Dienstag dem Wissenschaftsministerium zugestellt, bestätigte Sektionschef Wolf Frühauf von der Rechtsabteilung im Gespräch mit dem STANDARD. Das Ministerium hatte, nachdem Gross ausrichten ließ, er wisse nicht, worum es in dem Verfahren gehe, das Gericht mit der Bestellung eines Sachwalters beauftragt. "Jetzt kann er sich nicht mehr darauf hinausreden, dass er nichts verstehe", sagte Frühauf. Das Aberkennungsverfahren werde nun rasch durchgezogen.

Der überraschende Bescheid, auch dem Wiener Landesgericht zugestellt, könnte auch Auswirkungen auf den "auf unbestimmte Zeit vertagten" Strafprozess gegen Gross haben. "Der Richter wird sich das neue Gutachten genau ansehen und mit den vorliegenden vergleichen", erklärte Gerichtssprecher Friedrich Forsthuber. Es sei durchaus möglich, dass Gross erneut begutachtet wird, der Mordprozess vielleicht doch noch fortgesetzt werde. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.12.2002)

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