Kleines Theaterwunder an der Binnen-Alster

    2. Dezember 2002, 20:10
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    Von Hannover kam er als Nachfolger des allseits beliebten Jürgen Flimm an das Hamburger Thalia-Theater: Intendant Ulrich Khuon setzt mit Zähigkeit ästhetische Wegmarken

    Hamburg - An der Stirnseite des Hamburger Gerhart-Hauptmann-Platzes, dort, wo die Punschhütten des Weihnachtsmarktes ein paar verspätete Zecher an die Längsseite des gutbürgerlichen Musentempels hinspülen ("Äh, Mann, hast 'nen Cent?"), liegt das Hamburger Thalia-Theater.

    Intendant Ulrich Khuon (Bild), ein gelernter Dramaturg, dessen Theaterbegeisterung, wie er sagt, im Frankfurter Schauspiel der chaotischen Mitbestimmungsjahre geweckt wurde ("als Grüber damals Im Dickicht der Städte mit nichts als einem Berg Schuhe auf der Bühne inszenierte"), hat die bürgerliche Bedienungsanstalt zum künstlerisch hochwertigen Apparat umgeformt.

    Nach knapp zweieinhalb Saisonen hat Jürgen Flimms Erbe zwar noch nicht alle Hanseaten für sich eingenommen. Aber mit der sturen Zähigkeit eines, der gerne "dicke Bretter bohrt", befreundet Khuon die seit letzter Saison vermehrt herbeiströmende Klientel (210.000 Zuschauer) mit den teilweise exzentrischen Regie-Handschriften von Michael Thalheimer, Andreas Kriegenburg, Stephan Kimmig oder Armin Petras.
    Khuon jammert nicht, wenn er beiläufig erwähnt, dass sein Etat (rund 15 Millionen Euro) bereits seit 1993 festgefroren sei. Die Kultursenatorin sei eine CDU-Politikerin mit Vergangenheit bei der Bild-Zeitung. Er räumt ein, mit ihr zwar keinen künstlerisch hochwertigen, aber dafür auch keinen gehässigen Diskurs führen zu müssen: "Das geht so!" Punkt.

    Er bemüht sich um Gastspielreisen, um die Kasse aufzufetten, und schafft sich damit auch Renommee: Das Festwochen-Gastspiel von Michael Thalheimers atemberaubend intensiver Liliom-Inszenierung war zwar etwas unglücklich angesetzt, befreundete aber auch die Wiener mit den Ensemblekünsten der überwiegend jungen, überwiegend hoch begabten Schauspieler (Fritzi Haberlandt, Maren Eggert, Peter Kurth - neben alten Bekannten oder neu Hinzugekommenen wie Natali Seelig oder Hans Christian Rudolph).
    In den Repertoirevorstellungen der Thalia drängeln sich viele Jugendliche. Und nach einer so düster-deliranten Veranstaltung wie Kriegenburgs Deutung von Miss Sara Sampson kann man die Gäste sogar beim fiebrigen Fachsimpeln belauschen: "Ich kenn' ja keine andere Sara, aber die da war schon komisch - ich mein', irgendwie total zickig . . ." (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2002)

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