Sloterdijk zur Wahl: Fest der Normalisierung

27. November 2002, 13:43
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Der deutsche Philosoph und Medientheoretiker im STANDARD- Interview - USA im "Medienkrieg gegen die eigene Bevölkerung"

STANDARD: In Ihrem Festvortrag für den österreichischen PR- Verband spielte Massenpanik eine nicht unwesentliche Rolle. Das erinnert doch an den Ausgang der Wahl hier.

Sloterdijk: Diese Paniktheorie habe ich schon vor einem Jahrzehnt entwickelt unter dem Eindruck kulturphilosophischer Theorie, die Gesellschaften beschreibt als Kraftfelder von Eifersuchtsströmen. Aufgabe der Massenmedien ist ja, diese Strömungen im Sinne von Trends zu lokalisieren. Und ein Trend bedeutet immer eine gewisse panische Implikation, im Sinne einer Vermeidungspanik oder einer Erwerbspanik.

STANDARD: Den Erdrutsch Richtung VP kann man panikartig nennen, Vermeidungspanik gegenüber der FPÖ.

Sloterdijk: Erdrutsch ist eine sinnlose Metapher. Das bedeutet, eine Masse, die höher lag, donnert zu Tal.

Wenn bürgerliche Wähler zur Haider-Partei abwandern, dann hat man es vielleicht wirklich mit einer Regression, mit einer Erniedrigung des politischen Niveaus zu tun. Kehren sie zu einer bürgerlichen Partei zurück, hebt sich das Artikulationsniveau politischen Willens wieder.

Das ist kein Erdrutsch, sondern eine sinnvolle demokratische Massenverteilung. Sie führt dazu, dass Österreich endgültig aufhört, unter absurder antifaschistischer Quarantäne zu stehen. Demokraten brauchen nach Österreich keine Inspektoren mehr zu schicken und auch nicht mehr den Keller des Hauses von Haider nach verbotenen, antidemokratischen Kampfschriften durchsuchen.

STANDARD: Rechter Spuk vorbei, Gefahr gebannt?

Sloterdijk: Vor drei Jahren habe ich gesagt, ich würde gerne Wahlkampf für Haider machen, damit er wieder so viele Stimmen kriegt, wie er verdient. In Gesellschaften wie der österreichischen und den meisten europäischen sind zehn Prozent militante, agitierbare Verlierer immer zu unterstellen, zehn Prozent links- oder rechtsfaschistische Stimmungen. Ich wollte Wahlkampf für Haider machen bis zur Rückführung von irrealen 27 Prozent auf reale zehn Prozent. Das ist jetzt ganz ohne mich passiert.

STANDARD: Der massive Zug zu Schüssel wurde auch mit Sicherheitsbedürfnis erklärt.

Sloterdijk: Ich könnte mir vorstellen, dass der enorme Ansehensverlust der deutschen Sozialdemokraten und der rot- grünen Allianz abgefärbt hat. Die Deutschen leisten sich da seit der Wahl eine sozialpsychologische Pessimismusorgie. Und ich könnte mir vorstellen, dass viele Österreicher den Seriositätsbonus der Bürgerlichen gewählt haben, was natürlich auch ein absurder Ausdruck ist. Letztlich also den Kanzlerbonus. Schüssel hat in dieser Zeit keinen wirklichen Fehler gemacht. Im Gegenteil: Er hat Österreich zwar in die größte Staatskrise geführt, aber andererseits auch souverän wieder herausgeführt. Diese merkwürdige Doppelleistung wurde offenbar von den Österreichern goutiert.

STANDARD: Weil wir gerade beim einschlägigen Verbandstreffen sitzen: Wären die Probleme der deutschen Regierung mit Public Relations zu lösen?

Sloterdijk: Hundertprozentig, sie liegen an einer Form der Unprofessionalität. Andererseits sind die Public Relations der Konservativen besser als vor der Wahl. Die wurden zu spät gut. Merkel, Stoiber, und wie sie alle heißen, sind keine Alternativen zur Schröder/Fischer-Mannschaft, was Personal und Kompetenz angeht. Aber im Augenblick hat die Union mit so einer strategisch orchestrierten Radauopposition einfach die besseren Karten. Wie Merkel & Co reden, das ist rechts von Haider.

STANDARD: Im Sinne von Rechtspopulismus, ideologisch werden sie wohl noch ein bisschen diesseits von Haider sein.

Sloterdijk: Ideologisch natürlich diesseits. Haider nimmt in Österreich die Position ein, die Franz Josef Strauß in den Sechzigerjahren in Bayern hatte: "Rechts von mir ist nur noch die Wand."

STANDARD: Sicherheit meinte die Bestätigung amtierender Regierungen. Ergebnis des 11. September, der Weltkonjunktur, weiterer Terrorattentate?

Sloterdijk: Deutschland, Österreich und auf der anderen Seite USA haben eines gemeinsam: von Sicherheitshysterie befallene Populationen. Rührt man ein bisschen an der Hochburg der Sicherheit und des Konsums, schrillen sämtliche Alarmglocken.

STANDARD: "Bisschen Rühren" ist nach dem 11. September eine ziemliche Untertreibung.

Sloterdijk: Man darf nicht vergessen, der 11. September ist ein Ereignis, das man in einer Unfallstatistik des Landes gar nicht wahrnehmen würde. Zwei- oder dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz. Das ist die Sprache der Kälte der Statistiker, und die müsste im Grunde jene einer wissenschaftlichen Politikberatung sein. In Wirklichkeit läuft die Sache ganz andersherum: Es wird eine Angelegenheit, die gar nicht so hochrangig zu behandeln wäre, wie ein Weltkriegsgrund manipuliert. Das zeigt, dass hier eine hochneurotische, vielleicht sogar narzisstisch-psychotische Struktur verletzt worden ist.

STANDARD: Die Politik des US- Präsidenten ist pure PR.

Sloterdijk: Die Amerikaner erleben seit dem 11. September massive Selbstgleichschaltung der Medien, permanente Kriegsberichterstattung. Man darf nicht vergessen, Amerika lebt im Medienkrieg gegen die eigene Bevölkerung. Propaganda bedeutet immer Informationskrieg gegen die eigene Bevölkerung, eine bösartige Version von Public-Relations-Effekten.

Was derzeit auf amerikanischen Universitätscampus passiert, ist ein Wahnsinn: Regierungskritische Äußerungen werden als vaterlandsverräterisch indiziert. Das sind ungeheuerliche Vorgänge, protofaschistische Materialien, die im Großen zu einem Realfaschismus zusammengesetzt werden.

Man glaubt, dass die Ressourcen der amerikanischen Basisdemokratie stark genug sein werden, diese Versuche abzuschlagen. Aber das Material zu einer wirklich dramatischen Verschlechterung der sozialpsychologischen Lage in Amerika und weltweit ist in diesen Vorgängen vorhanden. Ich glaube, dass die ganze westliche Welt politisch akut gefährdet ist von diesen propagandistischen Umtrieben.

STANDARD: Faschistisch meint die Informationspolitik.

Sloterdijk: Faschismus ist nichts anderes als eine Form der Informationskontrolle, gewaltsame Unterdrückung von Komplexität und vor allem eine festivalartige, rauschartige Form von kollektiver Autohypnose, die von Propagandaministern orchestriert wird, die manchmal auch Kulturminister heißen.

STANDARD: Was tun dagegen?

Sloterdijk: Da muss man die gute alte Meinungsfreiheit probieren. Da wird man merken, dass das ein kostbares Gut ist in Zeiten der Selbstgleichschaltung, es gibt ja keine sichtbare Gewalt.

Insofern muss man sagen, die Österreicher haben das gut gemacht. Sie haben sich von der Erpressung durch Haider distanziert. Dieses Phantom wurde lange Jahre von österreichischen Linken größer gemacht, die geglaubt hat, man kann in der Politik nur vom Gegner leben.

Man könnte nach dieser Wahl ein großes Fest der Normalisierung feiern.

Und in Sachen Sozialdemokratie muss man nicht traurig sein: Im Spektrum des Parlamentarismus gibt es ja nur noch Sozialdemokraten. Wir haben hier jetzt eine sehr starke sozialdemokratische Mehrheit, angeführt von einem christlich-sozialen Kanzler, der wie manche, die aus dem gebildeten Katholizismus in Österreich kommen, ein linkes Herz hat.

STANDARD: Wo Schüssels Herz tatsächlich schlägt ...

Sloterdijk: Ich würde sagen, wir halten uns auch in diesem Fall an die Anatomie.

(DER STANDARD, Printausgabe, 27.11.2002

Peter Sloterdijk wollte Wahlkampf für die FPÖ machen. Sie implodierte ganz ohne sein Zutun auf reale zehn Prozent. Mit Harald Fidler sprach der deutsche Philosoph über deutsche Radauopposition, Protofaschismus in den USA und den Sozialdemokraten Schüssel.
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