Yline wird Fall für die Wirtschaftspolizei

26. November 2002, 18:07
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Mehr als ein Jahr nach dem Konkurs wird untersucht, ob die börsennotierte Internetfirma je darauf ausgerichtet war, reale Umsätze zu erwirtschaften

Wien - Im Jänner ist es so weit: Dann sind die Untersuchungen der Kriminaldirektion I, der vormaligen Wirtschaftspolizei, so weit abgeschlossen, dass - wie es aus dem Amt heißt - die an der Yline beteiligten Personen zur Vernehmung vorgeladen werden. Zitiert werden soll der gesamte Vorstand samt Aufsichtsrat - also Werner Böhm, Joachim Kalcher und Petra Wohlfahrt für den Vorstand; und Ernst Hofmann, Norbert Frömmer und Anneliese Prem für den Aufsichtsrat.

Es geht mittlerweile um die Klärung strafrechtlicher Verdachtsmomente. In zwei große Frageblöcke wollen die Kriminalisten Licht bringen: Da ist einerseits die Frage, ob die Geschäftstätigkeit des Unternehmens jemals darauf ausgelegt war, Umsatzerlöse samt entsprechendem Cashflow zu generieren. Andererseits, ob die Insolvenz nicht schon viel früher, nämlich zum Jahresanfang 2001 angemeldet hätte werden müssen. Der Insolvenzantrag wurde erst ein Dreivierteljahr später, im Oktober 2001 gestellt.

"Riesige Luftblase"

"Das könnte eine riesige Luftblase mit fingierten Umsätzen gewesen sein. Ein Fall wie bei den Bilanzfälschungen in den USA", heißt es dazu bei der Oberstaatsanwaltschaft, die nach der Vorerhebung der Kriminaldirektion zu entscheiden hat, ob Anklage erhoben wird. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, drohen nach Paragraph 255 Aktiengesetz bis zu zwei Jahre Haft.

Basis der Ermittlungen

Von Wirtschaftspolizei und Oberstaatsanwaltschaft sind die von Masseverwalter Christof Stapf in Auftrag gegebenen Gutachten, die im Wesentlichen von dem Wiener Wirtschaftsprüfer Thomas Keppert erstellt wurden. Diese kommen zu dem Schluss, dass schon ab der Yline-Gründung nicht Geschäfte gemacht werden sollten; vielmehr sei die Sicherstellung der laufenden Aufwendungen im Vordergrund gestanden. Stapf: "Es sind Umsätze künstlich generiert worden." Bis 25. September 2001 hätten sich daher Verluste von 1,2 Milliarden Schilling (80 Mio. Euro) angesammelt.

Auch für den Zeitpunkt der Insolvenz hat Keppert brisantes Material zusammengetragen: Bereits im Juli 2000 habe Yline einen enormen Liquiditätsengpass gehabt, der in der Buchhaltung der Gesellschaft nicht dargestellt wurde. Durch die Neuausgabe von Aktien an der Wachstumsbörse Nasdaq Europe (damals Easdaq) seien außerdem kurz darauf wieder liquide Mittel in die Yline geflossen.

Die 1998 gegründete Yline, die als Internet-Startup auftrat, war im Oktober 1999, am Höhepunkt des Webhypes, an die Börse gegangen und hatte bei einem Einstiegskurs von 29 Euro 48 Mio. Euro lukriert. Im Frühjahr 2000 stand der Kurs bei 283 Euro; der Kurs, mit dem der Titel von der Börse verschwand, lag bei 0,88 Euro. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe 27.11.2002)

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    Im Juni 2001 bekundet Yline-Vorstand Werner Böhm Interesse an Libro; im Oktober war Konkurs.

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