Börsen vor "Happy Wende"

24. November 2002, 21:57
posten

Die internationalen Aktienmärkte befinden sich am Beginn eines längeren Konsolidierungsprozesses - Gastkommentar von Michael Margules

Wohin gehen die Börsen? Eine Vielzahl von Analys(t)en und auf deren Basis (angeblich) heraus gefilterter fundamental-technischer Kennziffern versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben oder zumindest Hinweise auf den künftigen Trend von Wirtschaft und Börse zu liefern. Ein Großteil dieser Studien ist grundsätzlich fragwürdiger Natur, während der Rest zwar seriös fundiert, aber ebenso von der Aussagewürdigkeit Fragen offen läßt.

Prudential mit (Börsen)Daumen abwärts....

Einer dieser Maßstäbe ist der Capital Market Activity Index des amerikanischen Investmenthauses Prudential Securities. Er mißt die Stimmung im globalen Finanzgeschäft und registriert Lebenszeichen und neue Trends, die je nach Resultat auf eine Besserung des Marktklimas und höhere Kurse oder auf eine Verschlechterung hindeuten. Unabhängig von den sicherlich zu hinterfragenden Details des Modells sind die jüngsten Ergebnisse ernüchternd ausgefallen und sprechen nicht für eine baldige Wende an den Börsen.

Hat sich in früheren Jahren die Finanzmarktaktivität im Oktober meist kräftig belebt, sind diesmal die Fortschritte bescheiden geblieben. Im Vergleich zum September legte der Capital Markets Activity Index nur 3 Prozent zu. Damit hat sich der Stimmungsmesser vom Rückschlag im Sommer nur unwesentlich erholt und befindet sich weiterhin im langfristigen Abwärtstrend. Das Barometer wurde im August 2001 geschaffen und wird bis 1995 rückgerechnet. Den höchsten Stand verzeichnete es wenig überraschend im Frühling 2000, bevor es danach kräftig und aus heutiger Sicht ebenso wenig überraschen einbrach, als die Spekulationsblase an der US-Wachstumsbörse Nasdaq platzte und die Aktienmärkte weltweit ins Rutschen kamen. Seit dieser Zeit ist der Prudential-Kapitalmarktaktivitäts-Index auf Schlechtwetter eingestellt.

...“Fundis“ mit (Börsen)Daumen aufwärts

Gegner der Schlechtwetter-Prognosen argumentieren mit gleichlautenden Fragen: Zwar wird nota bene konzediert, daß wir uns zweifellos in der schlimmsten Börsenbaisse seit den 30er Jahren befinden. Doch anders als in den großen Aktienbaissen des letzten Jahrhunderts befindet sich die Konjunktur heute keineswegs in einer hoffnungslosen Krisensituation, wie beispielsweise während der Depression der 30er- oder der Stagflation der 70er Jahre. Und auch wenn aktuell alle Industrienationen eine wirtschaftliche Flaute durchleben, von einer schweren Rezession oder Depression kann aber wohl nicht die Rede sein, noch dazu wo Privateinkommen und Wohlstand nach etlichen Jahren markanten Wachstums einen Höchststand erreicht haben so wie bisher Rückschläge verkraften können. Selbst die politische Gefahr durch den internationalen Terrorismus könnte man mit Ausnahme der Herren Bush und Konsorten verglichen mit den Zeiten eines Kalten Kriegs, atomarer Aufrüstung der Großmächte, kriegerischen Auseinandersetzungen in Vietnam oder Naher Osten als zwar nicht zu unterschätzender, aber keineswegs schwerwiegender als anno dazumals einschätzen.

Bezogen auf die Finanzmärkte und damit auch auf Studien a la Prudential würde all das Gesagte wie auch vieles Nichtgesagte wiederum zu den berechtigten Fragen führen: Wieso waren auf dem Höhepunkt der Hausse alle Finanzinstitute optimistisch gestimmt, während heute, drei Jahre später, Neuanlagen negativ beurteilt werden, obwohl dieselben Papiere zumindest absolut gesehen zu Tiefstpreisen notieren? Entspricht die Halbierung des Kurses auch erstklassiger Aktien noch der wirtschaftlichen Realität? Schließlich sind etliche Wertpapiere, und nicht nur in der unverändert dynamischen und damit auch für erhöhte Kursausschläge anfälligeren Biotech-Branche zum Teil nicht nur eklatant unter Buchwert, sondern sogar geringer als die eigenen Cash-Bestände bewertet.

Und die Praxis fragt: Quo vadis, Vertrauen und Unternehmensgewinne?

Die Geschichte lehrt, daß es unmöglich ist, die Wendepunkte der großen Aktientrends präzise vorauszusagen. Gerade weil etliche positive Anzeichen aus der Reich der Fundamentalanalyse vorhanden sind, ohne entsprechende Reaktion auf den Aktienmärkten zu bewirken, deutet vieles darauf hin, daß sich die internationalen Aktienmärkte am Beginn eines längeren Konsolidierungsprozess befinden. Aktienkurse orientieren sich über weite Zeiträume, die und nur die für alle Beteiligten, also Emissionshäuser und Banken auf der einen, Anleger auf der anderen Seite, Gültigkeit besitzen sollten. Und langfristig werden sich sicherlich gesunde Fundamentaldaten wie beispielsweise die aktuell außerordentlich hohen Risikoprämien - im Durchschnitt beträgt die Rendite für europäische Aktien auf Basis der Konsens-Gewinnschätzungen für 2003 rund 7,5 Prozent, während Staatsanleihen in der Nähe von 2,5 Prozent und im Angesicht von erhöhten Zinssteigerungsrisiko liegen - durchsetzen.

Aktuell aber überwiegen nach wie vor die Ängste der Anleger nach dem crashartigen Markteinbruch der unmittelbaren Vergangenheit und vor dem drohenden Kanonendauer im Irak, und auch weder von der volkswirtschaftlichen, noch auf der Front des Mikrokosmus in Form von steigenden Unternehmensgewinnen zeichnet sich vorderhand am Horizont nachhaltige Besserung ab. Und wenn die Stimmung schlecht ist, dann verlocken eben auch niedrige Kurs/Gewinn-Verhältnisse, hohe Dividendenrenditen und ähnliche Pendants nicht zum Kauf!

Nachlese

--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.