Reden ist Kopfarbeit

26. August 2003, 19:14
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Eva Glawischnig, Spitzenkandidatin der Grünen, muss plötzlich zu allem eine Meinung haben. Gar nicht so leicht

Eva Glawischnig sitzt im Kaffeehaus und isst Salat. Eine grüne Vertraute hilft ihr, dabei halbwegs anonym zu bleiben. Dennoch nascht die Umgebung mit. Ist es nicht ein komisches Gefühl, dass einen plötzlich jeder erkennt? - "Doch" sagt sie. Sie sagt es, als hätte sie sich schon daran gewöhnt. Und die vielen Leute, die sie mustern? - "Die sehe ich nicht", erwidert sie. Das kann sie erklären: Sie hat zweieinhalb Dioptrien, sie hat ihre Brillen in einem ÖBB-Waggon liegen lassen. "Und ich komm' derzeit nicht dazu, mir neue Gläser zu besorgen." Normalerweise werden derlei Dinge für Spitzenkandidaten in Drangperioden des Wahlkampfs von Mitarbeitern erledigt. Aber erstens nicht so sehr bei den Grünen. Und zweitens nicht bei Brillen. Die sollten ja auch der Trägerin irgendwie passen, nicht nur den Meinungsforschern.

Glawischnig ist in wenigen Wochen verblüffend populär geworden. Es ist ja eher ungewöhnlich, dass man mit 33 nach dem Jusstudium nicht nur keinen Job suchen muss, sondern das Aushängeschild der möglicherweise bereits drittstärksten politischen Partei des Landes ist. Wie ist das nun, wenn man hinter jedem fünften Straßeneck von seinem eigenen Plakatgesicht überfallen wird? "Komisch", sagt Glawischnig und lächelt. Sie hat eine unkomplizierte Art, stolz auf sich zu sein. "Aber manchmal geht's mir ein bissi auf die Nerven", gesteht sie. Zum Beispiel wäre es nicht notwendig gewesen, dass ihre Mutter in der Wohnung ein Plakat von ihr aufhängt.

Unlängst beim Klassentreffen haben "eh alle schon immer gewusst, dass ich einmal so was werde", erzählt sie. Als Klassensprecherin hatte sie sich seinerzeit energisch für "Raucher-Klos" eingesetzt. "Heut hau ich alle raus, die bei Besprechungen tschicken", sagt sie. Aber die Energie ist die gleiche.

Probleme bereitet ihr das viele Reden, obwohl sie Kärntnerin ist. "Außasprudln alaan" ist zu wenig, weiß sie. (Ihr Akzent ist so geschliffen, dass wir es bei dieser einen Villacher Kostprobe belassen können.) "Man muss jedenfalls zu allem eine Meinung haben", klagt Glawischnig. Ihre Erkenntnis: "Es ist gar nicht leicht, dass man, wenn man viel sagen muss, auch immer einen Gedanken dazu hat." Ihr Fazit: "Reden ist eigentlich eine Kopfarbeit." - Schön, wenn sich das bei den Parteien herumsprechen würde.

Eva Glawischnig hat ein empfindliches Gehör. Nach der Schule hat sie das Musikkonservatorium besucht. Eigentlich wollte sie Tontechnikerin werden. Heute leidet sie unter dem Gegenteil: "Ich halte das physisch fast nicht durch, wenn im Parlament herumgeschrien wird", sagt sie. "Das tut mir echt weh, das hab' ich unterschätzt. So würden sich normale Menschen nie unterhalten."

Im Umgang mit Kollegen (der anderen Parteien) erfährt sie überdies "eine gesunde Portion Sexismus", erzählt sie. Für viele wird sie mehr über ihr Aussehen als über den Inhalt ihrer Worte definiert. Einige reifere Politiker sprechen Sie stereotyp mit "Herr stellvertretender Klubobmann" an. "Und am ärgsten ist dieses elende Händeküssen", sagt sie. "Ich hab' schon ein Taferl im Hirn: Andreas Khol nicht die Hand geben. Vergiss es! Er verweist dich schnell wieder auf den Platz, wo du als Frau hingehörst."

Wie sie zu den Grünen gekommen ist? - Auf sehr natürliche Weise. Sie hat als Studentin die Grazer Ökoszene beim Entstehen beobachtet. Im Ennstal wurden Baustellen besetzt. Alles Notwendige war dabei: Zelte, Wabl, Pilz und Polizei. "Und so bin ich halt in die Umweltpolitik hinein", erinnert sie sich. "Von dort war's dann irgendwie nur noch ein kleiner Schritt zu den Wiener Grünen."

Der Sprung von einer Fachabgeordneten an die Parteispitze war hingegen steil und kräfteraubend, die Rutschgefahr ist groß. "Ich muss plötzlich anders denken. - Sind unsere Positionen überhaupt realitätstauglich? Sind sie finanzierbar?" Der Wahlkampfdruck macht ihr zu schaffen. "Ich fühl' mich wie eine zu fest gespannte Gitarrensaite", sagt sie.

Wenigstens sind die Leute auf der Straße freundlicher geworden, findet sie: "Die freuen sich plötzlich, wenn sie mir ,alles Gute' wünschen können, egal ob sie uns wählen oder nicht." Ihr selbst ist es nicht egal. Sie wäre gern Umweltministerin. Die ÖVP in der Opposition wäre "sicher ein Jahr in der totalen Krise, in Streit und Auflösung". Das wäre dann eine gute Zeit, um Dinge durchzubringen, meint sie. "Man kann ja ein bissl fantasieren, oder?", sagt sie. Ja, das kann man. (DER STANDARD, ALBUM, 16./17.11.2002)

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    Sie fühlt sich derzeit "wie eine zu fest gespannte Gitarrensaite". Nach der Wahl kann Eva Glawischnig endlich wieder richtig gestimmt werden

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