Mit Skalpell und Satellit

16. November 2002, 17:30
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Ralf Ewers ist in Tokio, wenn er in Wien operiert

Eigentlich haben sie den falschen Mann gewählt", gibt sich Ralf Ewers bescheiden. Der Vorstand der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien wurde zum Präsidenten der "International Society for Computer Aided Surgery" ernannt. Die Iscas, wie sich die Gesellschaft abkürzt, versteht sich als Dachorganisation weltweit hervorragender Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der computerassistierten Chirurgie, Telechirurgie und Robotik.

Warum aber den angeblich falschen Mann zum Präsidenten gewählt? "Weil es Michael Truppe vom Wiener AKH war, der die Idee von der Computernavigation in die Medizin brachte. Und zwar international. Ich hab' das in den vergangenen Jahren einfach nur umgesetzt." In der Praxis sieht das dann so aus, dass sich der Doppeldoktor für Zahnheilkunde und Humanmedizin, während er einen Patienten im Wiener AKH in dessen Mundhöhle operiert, jeden seiner Schnitte, die über spezielle Bildwandler, eigene Computertomografen, aufgezeichnet werden, am Computerbildschirm anzeigen lässt. Und zwar bevor und während er sie setzt, um möglichst exakt operieren zu können. Nur, dass der technikbegeisterte Mediziner dabei nicht im Operationssaal in Wien sitzt, sondern eben in Tokio, New York oder sonst wo. Denn "wozu gibt es Satellitenverbindungen?"

Ralf Ewers wurde 1943 im heutigen Lodz geboren, in Polen. Seine Eltern waren damals gerade auf der Flucht, aus Moldawien vertrieben von der Roten Armee. Aufgewachsen in Deutschland, maturierte das "Kriegsschicksal", wie sich Ewers selbst bezeichnet, in den USA. Seine beiden Universitätsstudien absolvierte der begeisterte Opernfan - "wann immer es sich ausgeht, bin ich Statist in der Wiener Staatsoper; in ,Carmen' war ich beispielsweise ein spanischer Bauer, die Oper ist mein zweites Leben" - in Deutschland, ging danach erneut in die USA. Um schließlich als stellvertretender Abteilungsleiter der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Kiel wieder zurückzukehren.

1989 kam der in St. Christoph am Arlberg zum Skileher ausgebildete Sportler - "früher war ich Triathlet, heute habe ich keine Zeit mehr dafür" - nach Österreich, erhielt die Staatsbürgerschaft und wurde schließlich Klinikvorstand. "Ich bin glücklich, in Wien gelandet zu sein."

Ewert und seine Frau, eine Wiener Anästhesistin, haben drei Töchter. Eine Multimediaexpertin, eine Psychologin und eine Medizinstudentin. Letzterer würde der Gesichtschirurg "auf gar keinen Fall raten, Chirurgin, etwa Tumorchirurgin, zu werden". Warum? "Brotlos! 50 Prozent der klassischen Chirurgie werden bald überhaupt nicht mehr notwendig sein", vermutet der "arbeitskranke" Mann, der "von der Sucht getrieben" ist, "ständig etwas Neues in der Medizin" zu machen.

"Haben wir bis vor kurzem noch zehn Zentimeter lange Schnitte gemacht, sind es heute nur noch kleine Löcher. Die nahe Zukunft gehört der minimalinvasiven Chirurgie, die ferne Zukunft der Gentechnik." Darum plädiert Ewers heute schon für ein verstärktes "fächerübergreifendes Vorgehen" in der Medizin. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 11. 2002)

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