Wenn der Zauber nicht wirkt

17. November 2002, 18:42
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Niedrige Zinsen als Börsenelexier haben längst ausgedient - Gastkommentar von Michael Margules

Schon seit mehreren Wochen hatten sich die Finanzmärkte auf eine neue internationale Runde sinkender Leitzinsen eingestellt. Doch einzig die amerikanische Notenbank (Fed) nahm eine Zinssenkung vor, die allerdings mit 50 Basispunkten deutlicher als angenommen ausfiel. Demgegenüber lassen sich die Europäische Zentralbank (EZB) weiterhin bitten und von den internationalen Meiden schelten, während die Bank of England mehr oder minder mit gebundenen Händen dastand – zu sehr hatte die Immobilienhausse am Zinssenkungsspielraum genagt. Letzteres ist in Japan bekanntlich nicht mehr vorhanden, denn weniger als Null ist eben nicht möglich.

Von amerikanischer Theorie und Hoffnung....

Die Terminkurse von Futures auf die diversen US-Geldmarktsätze, ein stets verläßlicher Indikator, nahmen an beziehungsweise vorweg, daß die Fed die Zielrate für Fed funds von 1,75 auf 1,5 Prozent senken werde. Über die Fed funds beschaffen sich Banken in den USA kurzfristig Geld, das den Kunden in Form von Krediten, Hypotheken etc. angeboten wird. Sinken die Zinsen, werden Kundenfinanzierungen günstiger. Das sollte die Nachfrage nähren, wodurch die Konjunktur anspringt. So lauten die Theorie und die Hoffnung der Öffentlichkeit. Dementsprechend überraschend – und damit gleichzeitig aber auch ernüchternd – fiel die Herabsetzung der US-Zinsen um 0,5 Prozent aus. Mit 1,25 Prozent notieren die Leitzinsen auf dem tiefsten Stand seit 1961. Davor hatte das Fed die Fed-funds-Rate von 6,5 auf 1,75 herabgedrückt. Es war bereits die zwölfte Reduktion seit Anfang 2000 in den USA, und doch stellte gerade diese letzte Zinsreduktion weit mehr als eine Geste der Geldpolitiker dar, das monetäre Umfeld unverändert locker walten zu lassen. Denn das Ausmaß dieser Zinssenkung vermag derzeit wenig am schlappen und wenig aussichtsreichen gesamtwirtschaftlichen Bild zu ändern, wenngleich trotz des einschneidenden Schritts der Fed die Konjunktursorgen zu zerstreuen versuchte: Das Inflations- und Konjunkturrisiko sei ausgeglichen (neutral bias), und die expansive Geldpolitik unterstütze die Konjunktur, ließ das Fed verlauten.

...zu seltsamen europäisch-japanischen Notenbankauftritten

Immer mehr Wirtschaftsforscher verlang(t)en auch von der EZB, daß sie den zentralen Leitsatz von aktuell 3,25 Prozent tiefer setzt. Die EZB bewegt sich jedoch bereits heute am Rande des Zulässigen: Die Inflationsrate übersteigt seit Jahren fast ununterbrochen den Höchstwert, und außerdem tobt ein politischer Konflikt über die budgetpolitische Disziplin der Euroland-Regierungen. Der Vorsitzende der EZB, Wim Duisenberg, fürchtet nicht ganz zu Unrecht, mittels Zinssenkung(en) als Geldpolitiker in Sachen Hilfestellung der europaweit zumeist wenig zuverlässigen, kurzfristig orientierten Finanzpolitikern zu Hilfe eilen. Zudem scheint insbesondere das orientierungslose steuerpolitische Umfeld in Kontinentaleuropa der Grund zu sein, warum Unternehmen kaum investieren. Dagegen kann aber die EZB beim besten (Zinssenkungs)Willen nichts ausrichten.

Allerdings ließ sich Duisenbergs nach international vehement heftiger Kritik an der jüngsten „Nullrunde“ doch zu der Aussage herab, daß die EZB doch noch, vielleicht schon Anfang Dezember, die Leitzinsen herabsetzen wird. Der EZB-Chef sprach offen von „Zinssenkungen“ und nicht wie sonst üblich von einer „Veränderung der Zinsen“ – ein deutlicher Hinweis in der Diplomatensprache des Zentralbanken-Instituts.

Noch tiefer in Belange, die der finanzpolitischen Hoheit der Regierung zustehen, mischt sich die japanische Notenbank ein. Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Pendants spricht sie nicht nur über Eingriffe am heimischen Finanzmarkt, sondern praktiziert dies auch in Form von umfangreichen Aktienpaketen, die den leidenden japanischen Geschäftsbanken abgekauft werden sollen.

...und einem nüchternen Börsenausblick

Den Aktienmärkten waren sämtliche Aktionen jedenfalls einerlei: An allen Börsen gerieten die Kurse nach einer recht imposanten Aufwärtsphase im Oktober erneut kräftig ins Rutschen. Hier, weil die ausgebliebene Zinssenkung enttäuscht habe, dort, weil der drastische Schritt der US-Notenbank kommendes Konjunkturunheil signalisiere, und in Japan wird schon seit mehr als zehn Jahren darauf gewartet, daß endlich wiederum die wirtschaftliche Sonne aufgehen möge. Summa summarum hat sich an dem augenblicklich für die internationalen Börsen wenig verheißungsvollen Szenario wenig bis gar nichts verändert, sprich ein allfälliger Aufschwung läßt solange auf sich warten, bis zum einen die Unternehmensgewinne wieder anziehen, wofür die Anzeichen eher in Richtung 2004, so überhaupt, deuten.

Und: die Zinssenkungen des Fed wie auch etwaiger Folgeschritte durch die EZB helfen im Moment und so wie in den vergangenen drei Jahren weitaus weniger als ein allfälliger Abbau der internationalen Kriegs- und Terrorangst – doch auch dieser Wunsch dürfte analog zum Gewinnwachstum noch etliche Zeit auf sich warten lassen.

Nachlese

--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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