American Psycherl in Berlin

8. November 2002, 21:19
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Feridun Zaimoglus "German Amok"

Diesem Autor verdanken wir mit seinem 1995 erschienenen Debüt Kanak Sprak nicht nur die erste literarische Dokumentation der Sprache junger deutsch-türkischer Bewohner von "Ausländerstadtteilen". Von wegen: "Hey Mann, isch mach dich Krankenhaus!" Diese heute zum allgemeinen Leidwesen der Konsumenten von deutschen Privatsendern hinlänglich mit der TV-Serie Erkan & Stefan dokumentierte Kultur der "Proll-Türken" zeichnete den heute 38-jährigen Autor bald auch als eines der hoffnungsvollsten Talente der so genannten Pop-Literatur aus.

Nach seinem von der Kritik großteils als missglückt betrachteten Briefroman Liebesmale, scharlachrot und den journalistisch-literarischen Texten des Bandes Kopf und Kragen ist mittlerweile auch Zaimoglu auf seinem langen Weg nach Mitte in der neuen deutschen Hauptstadt angelangt. Mit German Amok versucht er sich nun nicht nur im beliebten neuen Genre des "Berlinromans".

In dem sich hier Zaimoglu auch gleich die verlotterte und offenbar schwerst dekadente Kunstszene der Stadt zur Brust nimmt, wird der Kurs gleich von Beginn weg auf Sturmangriff programmiert. Das hier, sagen wir es deutlich, muss als Skandalbuch rezepiert werden. Verdammte Scheiße noch mal! Wir lernen also auf einer Vernissage nicht nur einen vom Leben und der Kunst frustrierten Maler kennen. Gleich zu Beginn zeichnet sich unter dem Motto "Zeit für infernalische Dekadenzen" auch ein laut Autor "drastischer Ton" ab, der sich, so viel ist gewiss, kaum über 250 Seiten lang halten wird können:

"Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen: ein ennuyantes Warzenmädchen, mittelgroß und mittelmäßig, in diesem Moment bis auf eine Perücke in Hauchrosa völlig nackt und deswegen für die älteren Herrschaften im Publikum eine Augenweide." Pflichtschuldig "reißt sie ihr blödes Mäulchen auf" und hält eine Eröffnungsrede aus dem Hause Kunst kommt von Klischee: " . . . denn IHR sollt wissen, dass ich Euer Feind bin, ich stehe unbekleidet auf dem Sockel wie eine Marmorstatue, ich bin die große Sensation dieser Saison. Aber glaubt mir: viel lieber würde ich Nasenflügel aufschlitzen, Darmschlingen herausreißen, und den Haufen, der hier zur Kunstbegutachtung zusammengeströmt ist, einfach nur massakrieren . . ."

Wer den vor allem aktive Lebenszeit vernichtenden Fehler begeht, den German Amok nicht gleich wieder sein zu lassen, wird später neben der "Kunstfotze", diversen ostdeutschen "Dorftrampeln" und "Frontlesben" und einer weiteren wichtigen Frauengestalt, der geistesgestörten Nachbarin des Künstlers, kurz "Mongo-Maniac" genannt, nicht nur afrikanische Drogenhändler kennen gelernt haben. Diese tituliert Zaimoglu im vollen Betriebstempo dieses politisch restlos unkorrekten Auswurfes vollmundig als "Crack-Massai".

Am Ende nach obligat ungustiösen Detailschilderungen aus jeder Himmelsrichtung her praktizierter Sexualtechniken wird der Protagonist irgendwo in der ostdeutschen Einöde dann auch noch ein pornographisches Bühnenbild für ein Workshop-Theaterstück produziert haben, das die Berliner Mauer mit Pornomotiven behübscht. In diesem setzen am Ende alle Schauspieler Badehauben auf - und aus den Duschdüsen strömt Gas auf die Bühne . . . Darüber aufzuregen lohnt sich dann aber auch nicht mehr wirklich. Nach derart viel verbissen den Tabubrauch suchendem Krampf ist man schon längst wieder entspannt. (Von Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 9.11.2002)

Feridun Zaimoglu, German Amok, EURO18,90/256 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002.

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