Aus der Geschichte der Trennungen

8. August 2003, 21:41
posten

Die 48. Unglaubwürdige Reise

Eine Abreise. Der 4. Juli 1939. Meine Zwillingsschwester floh mit einem der letzten Kindertransporte, organisiert von den Quäkern, für immer nach England. Aus dem vierten Stock in der Gumpendorfer Straße lief sie noch einmal zurück in die Hohlweggasse, um Abschied zu nehmen.

Aus der Ödigkeit, die für uns Gumpendorf bedeutete, aus der Hausnummer 5 A, wo im letzten Stock ohne Lift die demzufolge immer schon leere Ordination unserer Mutter lag, zur Hausnummer 1 in der Hohlweggasse, wo zum letzten Mal, bevor die Wohnung enteignet und ihre Bewohner ermordet wurden - wer lebt übrigens heute dort? -, alle zusammenkamen, um Abschied zu nehmen: von meiner Schwester, wie sie dachten, und für kurz; voneinander aber, wie sich 1942 herausstellte, und für immer. Die Abreise erfolgte Samstag. Wie lässt sich der Abschied qualifizieren, vor einem Ausmaß schützen, das ihn aus der Reihe bringt und aus der Bodenlosigkeit reißt? Wie wird die Lücke, die jahrzehntelang klafft, konstruktiv, ohne Querverbindungen und Rettungen zu suchen, die nicht möglich sind?

"Der Wirklichkeit wird so sehr zugesetzt, dass sie Farbe bekennen muss" (Walter Benjamin). Nichts mehr ist zwanglos. Die Nummer "201" baumelte an der hellen Schnur als Erkennungsschild an meiner Schwester. Sie hatte, als sie an diesem 4. Juli 1939 in den Zug mit den anderen Kindern stieg, keine Violine bei sich: nicht alle jüdischen Kinder sind, wie es Gastfamilien klischeehaft gerne glaubten, musikalisch, nicht alle lesen. Auf einem Foto dieses Tages läuft Helga noch einmal über den grauen Rennweg, an der polnischen Kirche vorbei, eine diffuse, fast ängstliche Hoffnung im Blick. Es sollte ein Aufbruch aus dem grauen Wien sein, wir alle wollten nach England nachkommen.

Meine Schwester hatte sich immer geweigert, das zu lernen, was die Schule ihr vorgab. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Zu spät immer. Sie wollte auch nicht erfahren, weshalb Äpfel zu Boden fielen, und die fielen im feuchten England noch rascher ins nasse Gras. Sie fieberte ihrem England entgegen, das letzte Lebewohl war nicht als das letzte gedacht. Unsere Tante, vor dem Einmarsch eine Fremdsprachenkorrespondentin bei den "Veitscher Magnesitwerken" am Schwarzenbergplatz, war schon in England und dachte immer an uns und unsere Großmutter, mit der sie bis zuletzt gelebt hatte. Im Krieg kaufte "Auntie" in London Kleider für sie. Bis zu ihrem eigenen Tod bewahrte sie diese Kleider auf. Seit dem 6. 5. 1942, als der Deportationszug nach Minsk abfuhr, hätte niemand sie mehr tragen können. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2002)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
Share if you care.