Kindesmissbrauch auf Schnitzlerisch

30. Oktober 2002, 19:51
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Im Vestibül der Burg: "Fräulein Else"

Wien - Wie Dorothee Hartinger das Inwendige des Fräulein Else nach außen stülpt, wie sie die im Nachhinein als höchst fatal erscheinenden Reflexionen und Träumereien einer Tochter aus gutem Hause gar unterhaltsam preisgibt, das lässt eine verspielte und deshalb nicht weniger tragische oder fragile Figur (der Jahrhundertwende) gut erkennen. Aus der Trauer kommt die Komik, sagt man: Bei all dem schnippischen Gehabe der ausgenützten 19-jährigen Grazie ("Also, ich soll Herrn Dorsday anpum-pen . . . Irrsinnig!") scheint diese selbst davon zu wissen.

Die Panzerung des Kindlichen trägt sie Schicht für Schicht ab, um schließlich - völlig schutzlos - den skrupellosen Wünschen der Erwachsenen zu erliegen: Die Geldnöte ihres Vaters soll sie mittels 15-minütigem Nacktaufritt lösen.

Seit Gilgamesh ist Dorothee Hartinger (sie war das Gretchen in Peter Steins Faust-Unternehmen) Ensemblemitglied des Burgtheaters. Und dort hat sie sich als fabelhaftes Schnitzler-Fräulein bereits in Bondys Festwochen-Anatol bewiesen. Mit Regisseur Christian Tschirner ist sie jetzt im Burgvestibül noch tiefer in die von Tod und Eros bestimmte Welt des Dichters vorgedrungen.

Hartinger macht eine im besten Sinne unbeschwerte Sicht auf das mittelsüße Mädel am Abgrund möglich. Auf einer alten Parkbank und in verschiedenen Mädchenposen kündigt Else unerhört unbeschwert ihre Vorstellung von Zukunft an: Sie möchte, bevor ihr Prinz kommt, nackt auf warmen Marmorstufen liegen, die von einer Riviera-Villa ins Meer führen. Sie träumt von tausend Liebhabern und liest zu diesem Zweck französische Romane. Dass ihr genau jene Freizügigkeit zum Verhängnis wird, diesen teuflischen Bogen fasst Hartinger perfekt. Übrigens: Sigmund Freud hat Schnitzler "aus einer Art von Doppelgängerscheu" nie aufgesucht. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe 31.10./1.11.2002)

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