Politische Chemie

30. Oktober 2002, 19:16
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Von gasförmigen Substanzen als Mittel zur Beseitigung chronischer politischer Dysfunktionen handelt Peter Vujicas Kolumne

Hauptsache, es stimmt die Chemie. Wenn nicht die eine, dann wenigstens die andere. Wenn es also wegen chronischer Dysfunktionen in der politischen Chemie zwischen Tschetschenien und Russland zu einer Katastrophe kommt, dann muss man eben trachten, diese mit geeigneten gasförmigen chemischen Substanzen in den Griff zu bekommen. Hauptsache, man hat solche für den Fall des Falles immer auf Lager. Keine Sorge! Im geräumigen Schoß von Mütterchen Russland hat es an nützlichen Gasen nie gemangelt. Mit deren wirksamer Hilfe haben die Bolschewiken schon vor bald 90 Jahren die Wälder gesäubert, in denen sich Tausende verzweifelter Bauern versteckt hielten. So gesehen ist es doch wirklich kein Kunststück, einem Moskauer Musical ein Finale mit 150 Toten anzuhängen. (Ich bitte um Nachsicht, wenn ich auch die 50 Terroristen zu den Leichen zähle.) Zumal die politische Dramaturgie ja durchaus schlüssig ist: Hätten die Tschetschenen die 700 Geiseln nicht festgenommen, hätte man diese nicht freigasen müssen. Ob zum Fortleben auf Erden oder im Jenseits, ist nicht so wichtig. Was zählt, ist das politische Kalkül.

Besser, sich hinterher bei den Hinterbliebenen der zu Tode befreiten Geiseln mit bedauernden Worten zu entschuldigen und dafür weiter das tun zu können, weshalb Herr Slobodan Milosevic heute in Den Haag sitzt: ein Volk malträtieren, anstatt ihm seine Autonomie zu geben.

Wie gesagt, Hauptsache, es stimmt die Chemie. Und, wie man weiß, sind chemische Vorgänge sehr von ihrer Umgebung abhängig. Manche vollziehen sich nur bei Erwärmung, andere wieder ergeben sich nur bei tieferen Temperaturen. Daher ist der Einsatz chemischer Waffen und erst recht deren Besitz, weil im vorliegenden Fall auch die politische Chemie stimmt, natürlich kein Thema.

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, könnte man natürlich auch sagen. Denn wer glaubt, dass die Vereinigten Staaten, deren Präsident gegenwärtig so eindringlich gegen die chemischen Waffen des Herrn Saddam Hussein wettert, diesbezüglich über jeden Verdacht erhaben seien, dem sei die Lektüre der Website sunshine-project.org wärmstens empfohlen. Originaldokumente informieren dort, welche chemischen Waffen in den USA wo entwickelt werden.

Möglicherweise hat diese Website auch José Bustani, bis April dieses Jahres Generalsekretär der UN-Organisation OPCW (Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons) angeklickt. Worauf er leichtfertig meinte, dass es eigentlich an der Zeit wäre, auch ein paar Waffeninspektoren in die USA zu entsenden, denen uneingeschränkter Zugang zu allen dortigen chemischen Hexenküchen gewährt werden müsse. Das hätte er besser nicht sagen sollen. Auf Betreiben der USA, die drohten, der Organisation den Geldhahn abzudrehen, wurde er im April dieses Jahres abserviert. Also nur, weil er von Herrn Bush verlangte, was dieser von Herrn Hussein verlangt.

Immer war das natürlich auch nicht so. Als sein Papa Vizepräsident war und Ronald Reagan Präsident, da stimmte auch mit Herrn Saddam Hussein die Chemie. Und zwar so sehr, dass man sich um freundschaftliche Beziehungen zu diesem Mann bemühte. Da sollte es auf ein paar Gefälligkeiten nicht ankommen.

Da griff man ihm natürlich auch im Krieg gegen den Iran unter die Arme. Man versorgte ihn mit Satellitenbildern, auf denen die Bewegungen der iranischen Truppen sichtbar waren. Und ein paar chemische Wundertöpfchen, durch deren Inhalt eine Million Menschen den Tod fanden, hat man ihm auch zugesteckt. Eingefädelt hat das alles übrigens Donald H. Rumsfeld. Wenn er jetzt, da die Chemie mit Saddam Hussein schon lange nicht mehr stimmt, vor dessen chemischen Waffen warnt, weiß er tatsächlich, wovon er spricht. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2002)

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