von Clarissa Stadler

30. Oktober 2002, 15:19
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Um fünf Uhr nachmittags reißt plötzlich der Himmel auf. Ein Witz, denkt S., den ganzen Tag über hat es trüb genieselt, und jetzt, da es sich nicht mehr lohnt, weil es ja sowieso gleich dämmern wird, wirft die Sonne nochmals ein schrilles Licht auf die Straßen. Die Autofahrer, die gegen die tief stehende Sonne fahren müssen, erblinden fast. Wie Tiere, die plötzlich aus dem Winterschlaf gerissen werden. Auf der Fahrbahn hat sich ein gleißender Film gebildet, der den Augen weh tut. Als hätte man zu lange in eine Glühbirne gestarrt. Die Sonnenbrille ist in der Handtasche, die Handtasche ist auf dem Rücksitz.

An der nächsten Ampel klappt S. die Blende auf der vorderen Windschutzscheibe herunter, um wenigstens eine minimale Sichtverbesserung zu erzielen. Dabei fällt ihr Blick in den Rückspiegel. Hinter ihr steht ein roter Mazda. Der Typ am Steuer hat weder Sonnenbrille noch Blende, sondern grinst in das harte Licht hinein. S. beobachtet ihn. Er ist allein im Auto und telefoniert auch nicht. Eine Sekunde lang denkt sie, er könnte Sie anlächeln und beginnt aus Verlegenheit, im Handschuhfach zu wühlen. Dann wird es grün.

Im Radio läuft jetzt ein Lieblingslied. S. dreht lauter und singt mit. Ihr fällt ein, dass sie auf dem Heimweg noch beim Schuster vorbeifahren muss. Die Schuhe liegen bereits seit vier Wochen dort. Den Zettel zum Abholen hat sie in der Zwischenzeit verloren. Das wird die Sache wieder unnötig verkomplizieren.

Hinter ihr ist noch immer der rote Wagen. Ganz eindeutig: Der Typ grinst ihr zu. S. kommt sich albern vor, weil sie den Blick in den Rückspiegel nicht halten kann, sondern jedes Mal verlegen irgendwohin schauen muss. Dann wird es grün und der Typ fährt links an ihr vorbei. Auf seinem Beifahrersitz taucht ein Stück Fell auf. Der Hund lächelt. (Der Standard/rondo/01/11/2002)

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