Schicksal eines Möchtegern-Terroristen

28. Oktober 2002, 10:09
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"Der Lockvogel" von "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust beleuchtet die Einzelheiten des Falles Ulrich Schmücker

Hamburg - Das neue Buch des "Spiegel"-Chefredakteurs Stefan Aust ist die beklemmende Geschichte eines naiven jungen Mannes, der seine Seele verkauft und nachher versucht, sie wieder zu bekommen. "Der Lockvogel", eine Erzählung aus den siebziger Jahren, als das politische Klima in Deutschland durch die Anschläge von Terroristen und die zum Teil hysterischen Fahndungsaktionen der Polizei aufgeheizt wurde.

Als Verräter ermordet?

Die Einzelheiten des Falles Ulrich Schmücker dürften nur wenigen vertraut sein. Ohne die fast obsessive Hartnäckigkeit des Journalisten Aust wären sie mit Sicherheit noch weitgehend im Dunklen geblieben. Der 22-jährige Ulrich Schmücker wird in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1974 im Berliner Grunewald von amerikanischen Soldaten sterbend aufgefunden. Es sieht zunächst so aus, als sei der Student, der zum Umfeld der terroristischen "Bewegung 2. Juni" gehört, von seinen Genossen als angeblicher Verräter ermordet worden.

Aust zweifelt

Als damaliger Reporter der ARD-Sendung "Panorama" kommen Aust Zweifel. Für einen kritischen Beitrag stellt er umfangreiche Recherchen an. Es gelingt ihm zu belegen, dass bundesdeutsche Geheimdienste von dem Mordplan seiner früheren Genossen wussten und dennoch nichts unternahmen, um seinen Tod zu verhindern.

Nach 16 Jahren wird Verfahren eingestellt

16 Jahre lang und über vier Instanzen beschäftigt sich die deutsche Justiz mit dem Fall Schmücker, bis das Landgericht Berlin das Verfahren am 28. Jänner 1991 einstellt. Die Richter geben dem Verfassungsschutz eine erhebliche Mitschuld an Schmückers Ermordung, die Geheimdienstler hätten offenbar mit dem Leben des Studenten gespielt.

Die Story

Der Autor vom Bestseller "Der Baader-Meinhof Prozess" haucht Leben in den Wust der damaligen Akten, Protokolle und Zeugenaussagen. Der Leser nimmt an Schmückers Leben teil, ist mit dabei, als der ernstvolle Junge sein politisches Gewissen entdeckt und später sich mit der Gruppe um die radikale "rote Ilse" im biederen Wolfsburg einlässt. Für kurze Zeit ist Schmücker ein "echter Terrorist", lebt im Untergrund und nimmt an Diskussionen und Aktionen teil. Bald aber gerät der Neuling zwischen die Fronten. Er wird zusammen mit anderen auf dem Weg zu einem Sprengstoffanschlag festgenommen und sagt im Gefängnis gegen seine früheren Genossen aus. (APA/dpa)

Stefan Aust:
Der Lockvogel: Die tödliche Geschichte eines V-Mannes zwischen Verfassungsschutz und Terrorismus
Rowohlt Verlag
Reinbek, 383 S., Euro 19,90
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