Wladimir Putin erlebte seine zweite Feuertaufe.

27. Oktober 2002, 19:36
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Kapitulation ist für ihn ein Fremdwort

Wladimir Putin hat die Angehörigen der Geiseln, die bei der Befreiungsaktion in Moskau ums Leben gekommen sind, öffentlich um Verzeihung gebeten. Dieser für einen russischen Präsidenten äußerst ungewöhnliche Schritt illustriert den Lernprozess, den Putin seit seiner Amtsübernahme als gewählter Staatschef vor zweieinhalb Jahren hinter sich hat. Gerade erst 50 Jahre alt geworden (am 7. Oktober) und längst Gegenstand eines Personenkults, der recht seltsame Blüten treibt, präsentiert sich der Kremlherr seinen Landsleuten als mitfühlender und zugleich entschlossener erster Mann im Staat, der die Lage unter Kontrolle hat.

Im August 2000, bei der Katastrophe an Bord des Atom-U-Boots "Kursk", hatte es noch ganz anders ausgesehen. Damals blieb der Präsident tagelang auf Tauchstation und ließ widersprüchliche Erklärungen der Militärs zu den Ursachen des Unglücks und dem Stand der Rettungsmaßnahmen zu. Viele Russen, und nicht nur sie, kamen zu dem Schluss, der Präsident habe bei seiner Feuertaufe versagt.

Inzwischen erfreut sich Putin konstant hoher Popularitätswerte. Die große Mehrheit der Russen, und mit ihnen so ziemlich alle westlichen Staats- und Regierungschefs, die ihn kennen gelernt haben, sind der Meinung, dies sei der richtige Mann, um Russland nachhaltig zu modernisieren. Dass Putin - durchaus mit großem Geschick - das Konzept einer gelenkten Demokratie verfolgt, in der unabhängige Medien nur eine sehr begrenzte Rolle spielen (dürfen), scheint in Russland kaum jemanden wirklich zu stören. Und das Wohlwollen des Westens hat sich der Kremlchef durch sein Einschwenken in die Antiterrorkoalition gesichert.

Drei Prioritäten hat Putin bei seinem Amtsantritt verkündet: Herstellung der "Diktatur des Gesetzes", Aufbau eines starken Staats und Wiedererrichtung der Würde Russlands. Mit ihrer Terroraktion mitten in Moskau haben die tschetschenischen Geiselnehmer diese Prinzipien auf brutalste Weise infrage gestellt und damit Putin persönlich auf die Probe gestellt. Dass ein Mann mit seiner Biografie und seinem Weltbild vor Terroristen kapitulieren würde, ist schlicht unvorstellbar. Und ein Abzug aus Tschetschenien käme nicht nur für Putin einer schmachvollen Kapitulation gleich.

Wie aber sieht Putins Weltbild wirklich aus? Seine Ausbildung und langjährige Tätigkeit im Geheimdienst haben den gebürtigen St. Petersburger geprägt. Davon ist etwa die prominente Moskauer Politologin Lilia Shevtsova überzeugt: "Geheimdienstoffizier ist kein Beruf. Das ist eine Lebensart."

Die Schlussfolgerungen, die Putin aus dem Moskauer Geiseldrama für seine Tschetschenien-Politik zieht, werden zeigen, ob sie Recht hat. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

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