"Putin sitzt in der Falle"

25. Oktober 2002, 10:41
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Verbindung zwischen islamischen Fundamentalisten besorgniserregend

London - Mit dem Geiseldrama in Moskau befassen sich am Freitag sämtliche Tageszeitungen in Europa.

"The Guardian" (London):

"Es mag durchaus lose El-Kaida-Kontakte zwischen moslemischen Extremisten in Tschetschenien und im benachbarten Georgien geben, wie dies Regierungsvertreter aus den USA und Russland behaupten. Aber insgesamt ist (Präsident Wladimir) Putins Argument irreführend: Es ist dafür benutzt worden, die internationale Kritik an der russischen Unterdrückung in Tschetschenien (wo sich beide Seiten der Verletzung der Menschenrechte schuldig gemacht haben) zum Schweigen zu bringen. Indem er Tschetschenien als Terror-Problem klassifiziert, erschwert Putin das Suchen nach einer politischen Lösung. Und das hat die Tür für gewalttätige Extremisten weit geöffnet."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Der neueste Akt dieser Tragödie, der nun in einem Moskauer Theater spielt, schürt in der russischen Bevölkerung wieder Wut und Erbitterung über die Tschetschenen. Dies spielt den Militärs in die Hände: Das Geiseldrama, für das ein böses Ende befürchtet werden muss, dürfte ihnen das Kommando über den Tschetschenien-Kurs zurückbringen. Und die Militärs wollen bis zum bitteren Ende weiter kämpfen. Zusammen mit den Hunderten von Geiseln in Moskau sitzt Putin - und mit ihm das ganze Land - in der Tschetschenien-Falle."

"La Repubblica" (Rom):

"Es stecken viele noch verworrene Dinge hinter dem Drama: die Terrorwelle, die schon über jeden Punkt der Welt hereinbricht, die Verbindungen zwischen islamischen Fundamentalisten verschiedener und voneinander entfernter Regionen, die immer tiefere Besorgnis angesichts der Leichtigkeit (und man könnte auch sagen Perfektion), mit der der Terror seine Taten verüben kann. Aber der klarste und konkreteste Punkt ist das Scheitern des Feldzuges, den Wladimir Putin vor drei Jahren in Tschetschenien begonnen hat. Drei Jahre mit vernichtenden Militäraktionen, kolossalen Spesen, Tod, Hunger und Zerstörung, die nichts gebracht haben. (...) Putin ist bemüht, die riesige Geiselnahme von Moskau mit der Kette von Attentaten zu verbinden, die der islamische Terror in den vergangenen Monaten verübt hat (...) Aber die Verbindungen zwischen El Kaida und den fanatischsten Teilen der tschetschenischen Guerilla reichen nicht aus, um das spezifische Geschehen in Tschetschenien vergessen zu machen."

"Liberation" (Paris):

"Nichts, aber auch gar nichts, kann die Geiselnahme entschuldigen, die in einem Blutbad mit Dutzenden oder Hunderten von Toten unter den friedlichen Zuschauern zu enden droht, die nicht gekommen waren, um mit dem Tod konfrontiert zu werden, sondern um eine musikalische Komödie zu genießen. Verhöhnt und gedemütigt von Terroristen, die zu den extremen islamistischen Fundamentalisten gehören, wird Putin, seit dem 11. September praktisch bedingungslos von Amerikanern und Europäern unterstützt, einmal mehr versucht sein, mit größter Brutalität zurückzuschlagen, wegen seines Temperaments, seiner Verwurzelung im früheren Sowjetreich, was perfekt zu seiner Rückkehr zu großrussischen Ambitionen passt, und auch in der Hoffnung, die Feindseligkeit seiner Bevölkerung gegenüber den Tschetschenen, den historischen Feinden des russischen Expansionsdranges, neu zu entfachen."

"La Croix" (Paris):

"Die Wunden der Welt hören nicht auf zu bluten, wenn man unablässig darin herumstochert. Der Krieg in Tschetschenien gehört zu dieser Sorte Wunden. Die tschetschenischen Unabhängigkeitskämpfer, die sich nicht um die Menschenrechte scheren, liefern sich seit Jahren blutige Gefechte mit dem russischen Militär. Die Zivilbevölkerung war das erste Opfer von zwei Kriegen in Tschetschenien, die viel Leid und Hass anstauen ließen. Besonders die junge Generation der Tschetschenen ist zu allem bereit, um Moskau zum Rückzug zu zwingen. Trotz der russischen Rechtfertigungen für die blutige Unterdrückung wird man mit den Tschetschenen verhandeln müssen. Die Vernichtung eines Volkes kann keine Lösung sein, denn eine derartige Wunde würde niemals verheilen." (APA/dpa)

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