"Windtalkers": Kein Feind in der eigenen Truppe

27. Juli 2004, 15:58
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John Woos allzu versöhnliches Weltkriegsdrama "Windtalkers"

Wien - "Hast du schon einmal Geister gesehen?" Der Fragende ist ein Navajo, im Zweiten Weltkrieg im Pazifik als Funker der US-Marines im Einsatz. Der Austausch mit Toten ist Bestandteil seiner Mythologie. Der andere muss verhindern, dass dieser in feindliche Hände gerät. Beim letzten Einsatz hat er seinen Glauben und alle Männer verloren - sein Trommelfell ist dabei beschädigt worden, aber das Echo ihrer Schreie quält ihn noch immer.

Windtalkers, der jüngste Film von John Woo, wendet dessen charakteristisch ambivalentes Freund-Feind-Schema auf eine Kriegsfabel an, die auf realen Tatsachen beruht: Da es den Japanern oftmals gelang, den Funkcode der US-Streitkräfte zu entschlüsseln, entwickelte man 1942 einen neuen, der auf der Sprache der Navajos aufbaut. Um diesen zu schützen, wurde solchen Funkern ein Soldat an die Seite gestellt, mit dem Auftrag, sie im Notfall zu töten.

Woo entwickelt das Verhältnis zwischen dem Navajo Ben Yahzee (Adam Beach) und seinem "Babysitter" Joe Enders (Nicolas Cage) jedoch im Verlauf des Ansturms auf die Insel Saipan. Er ordnet sich so in die Reihe jüngerer Kriegsfilme wie Ridley Scotts Black Hawk Down oder We Were Soldiers ein, in denen der Krieg auf ein singuläres Ereignis und eine, wenngleich hier weniger ausgereifte, Inszenierung physischer Sensationen reduziert wird.

Die Qualitäten Woos, etwa sein flexibler Umgang mit Identitäten wie in Face/Off, sind in Windtalkers nur selten zu sehen: In einer der wenigen Szenen, die die Möglichkeiten andeuten, die diesem Stoff innewohnen, verkleidet sich Yahzee als Japaner und dringt in feindliches Gebiet vor. Enders weicht auch dann nicht von ihm und gibt sich als sein Gefangener aus.

Über weite Strecken bleibt der Film allerdings Genrevorgaben verpflichtet, indem er tosende Schlachtenszenen - sowie ein paar Martial-Arts-Elemente - mit äußerst schematischen Konflikten innerhalb des US-Trupps variiert. Die Navajos - erst unlängst offiziell für ihre Verdienste ausgezeichnet - werden im Verlauf des Films eingemeindet, aber nicht, bevor sie noch dem verstocktesten Rassisten das Leben gerettet haben.

"Vielleicht sollte man ihre Geschichte erzählen", sagt der Navajo über die Gefallenen einmal, um ihre Geister zu befrieden. Windtalkers entspricht diesem Gedanken insofern, als er die Widersprüche zwischen dem Freund und dem Feind (im eigenen Lager) tilgt. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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    foto: standard
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