Obskure Schätze aus der musikalischen Wühlkiste

24. Oktober 2002, 18:48
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Schulkinder, "Hawaii-Gitarre" und exaltierte japanische Blasmusik

THE LANGLEY SCHOOLS MUSIC PROJECT
(Setanta/Ixthuluh)
Ein Komponist, der wissen will, ob er einen Hit gelandet hat, muss ihn dem diesbezüglich strengsten Publikum vorspielen, den Kindern. Zwischen 1976 und 1977 wurde in einer kanadischen Schule mit einer Zwei-Spur-Maschine eines der skurrilsten Alben der Geschichte aufgenommen. 60 Schulkinder machten sich mit Stimme und rudimentärer Bandbegleitung über Lieblingstitel der Hitparade her. Dass dabei ein Schwerpunkt auf das ewige Kind Brian Wilson und seine Beach Boys gelegt wird, ist sicher kein Zufall. Good Vibrations, God Only Knows, I Get Around, Little Deuce Coupe und Help Me, Rhonda werden mit voller Begeisterung und ohne Absicht, dies jemals verkaufen zu wollen ebenso eingespielt wie Space Oddity von David Bowie, The Long and Winding Road von den Beatles oder Desperado von den Eagles. Gute Musik muss auch im positivsten Sinn dilettantisch funktionieren. Ein rührendes Dokument, nach langen Jahren wieder neu aufgelegt.

THE MASTERS OF SACRED STEEL
None But The Righteous
(Ropeadope/Zomba)
Gewöhnlich gilt die Orgel als wichtigstes Begleitinstrument der Gospelmusik. Im Falle der über die ganze USA verstreuten christlichen, afroamerikanischen Glaubensgemeinschaft The House Of God hat sich allerdings über lange Jahrzehnte hinweg völlig im Schatten des Musikgeschäfts die sonst eher mit milchgesichtigem Country assoziierte Pedal Steel Guitar als Hauptinstrument etabliert. Diese CD versammelt neben dem wichtigsten Interpreten, dem altwehrwürdigen Reverend Sonny Treadway aus Florida, auch diverse jüngere Gottesmänner am gemeinhin als "Hawaii-Gitarre" verunglimpften Gerät. Halleluja, lobet den Herrn! Jetzt noch Entwarnung: Gesungen wird natürlich auch.

CICALA MVTA
Deko-Boko
(Nektar/BMG/Ariola)
Bei japanischem Chindon handelt es sich um eine Form von exaltierter Marsch- und Blasmusik, die ohne das Marschieren auskommt, dafür aber neben asiatischen Motiven auch westliche Einflüsse vom Balkan über Klezmer bis zum guten alten Gospel Free Jazz eines Albert Ayler durch den Fleischwolf dreht. Das klingt dann genauso merkwürdig, wie es sich liest. Im Zweifelsfall regiert in diesem Genre aber immer noch die rumänische Fanfare Ciocarlia. Als fixer Gast mit dabei, US-Avantgardist Samm Bennett. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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