Auto, Motor, Seniorensport

23. Oktober 2002, 18:54
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Routine oder Dienst nach Vorschrift: Die Boogie-Rocker 'ZZ Top' spielten in der Wiener "@Spark7.com"-Halle

Die altehrwürdigen texanischen Boogie-Rocker ZZ Top übten sich bei ihrem Konzert in der Wiener "@Spark7.com"-Halle im Prater in Routine. Dienst nach Vorschrift trifft es auch.


Wien - Dass ZZ Top seit dem 4. Mai dieses Jahres exakt dasselbe Konzertprogramm spielen wie in der Taj Mahal/Ettis Arena in Atlantic City, New Jersey, mag vielleicht mit Lebensvereinfachung zu tun haben. Man will sich mit 53 Jahren bei mühsam erkämpften regelmäßigen Essens-, Ruhens- und Arbeitszeiten vielleicht auch nicht mehr jede Nacht schlaflos im Hotelzimmer wälzen, weil vorher bei einem Auftritt schon wieder eine Ereignisballung stattgefunden hat.

Gott bewahre, dass einer von der Band zum Beispiel nach dem alten Partystampfer Gimme All Your Lovin' nicht Sharp Dressed Man einzählt, sondern vielleicht gleich Tush. Womöglich bringt er dann auch noch durcheinander, dass nach Sharp Dressed Man zwangsläufig der gute alte sexistische Disco-Boogie Legs kommt ("She got legs, she knows how to use them ...") und nicht La Grange. Weil das ist ja immer erst die vorletzte Zugabe vor Tush. Mensch!

Liturgischer Rock

Da könnte man ja gleich die Anarchie ausrufen, von Autopilot auf Handbetrieb umstellen und nach dem Tube Snake Boogie zu Beginn des Konzerts vielleicht statt I Thank You, dem alten Soul-Klassiker von Same & Dave, die als neunter Programmpunkt eingeplante Nummer Beer Drinkers & Hell Raisers holpernd in einem sich noch wohlig in den faulen Zwölftaktern von Nummer sechs, sieben und acht räkelnden Publikum landen: Waitin' For The Bus/Jesus Just Left Chicago, Future Blues und I'm Bad, I'm Nationwide.

In der Welt der Religion nennt man solche fixen rituellen Abläufe Liturgie - und auch das Publikum eines ZZ Top-Konzerts möchte sich wohl eher nicht mit Überraschungen wie gar einem einzigen neuen Song auseinander setzen. Dann schon lieber zum hundertsten Mal die Cheap Sunglasses aufgesetzt, lustig für die Fotografen synchron im Takt geschlumpft und weiter Dienst nach Vorschrift.

Die Folgen solcher musikalischen Zügellosigkeit wären ja gar nicht absehbar. Saftige Benzinpreiserhöhungen, das Verbot von drallen Playboy-Bunnies in Musikvideos, die Demokraten wieder im Weißen Haus, Dosenbierverbot in Texas. Schrecklich.

Und so gibt es also über die laufende Europatournee des bis 1983 mit dem Album Eliminator großartigen texanischen Auto, Motor, Sport-Trios ZZ Top und ihr Konzert im Wiener Prater nur wenig Neues zu berichten. Eines vielleicht. Gitarrist Billy Gibbons und Bassist Dusty Hill traten einige Konzerte lang das erste Mal seit 32 Jahren ohne Schlagzeuger Frank Beard auf. Er musste sich einer Blinddarmoperation unterziehen. Für ihn sprang der langjährige Schlagzeug-Roadie ein. In Wien war Frank Beard jetzt wieder dabei. Es ist aber keinem aufgefallen. Musik, die nicht auffällt, muss nicht sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2002)

Von
Christian Schachinger

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    'ZZ-TOP' beim Konzert am Dienstag Abend in der spark7.com-Halle in Wien

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