Morde werden oft erst spät als solche erkannt

23. Oktober 2002, 12:57
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Der perfekte Mord ist jener, der nicht erkannt wird, soll Alfred Hitchcock einmal gesagt haben - Verbrechen werden hierzulande zunächst meist als Selbstmord qualifiziert...

Linz - In zwei spektakulären Mordfällen in Oberösterreich wurde in den vergangenen 15 Monaten zunächst Selbstmord angenommen. Sowohl im Fall des Perger Pärchens, das von drei Jugendlichen mit Strychnin vergiftet worden ist, als auch in der Causa jenes Elektroingenieurs in Bad Hall, der in seinem Werkschuppen erschossen worden ist, wurde erst bei der Obduktion das Verbrechen entdeckt.

Die Folgen: In Perg wurde die Hose eines der Opfer seinen Verwandten kurz nach dem Fund der Leiche zur Reinigung zurückgegeben, Spuren wurden vernichtet. In Bad Hall wiederum fanden die Beamten der Kriminalabteilung keinerlei verwertbare Spuren mehr am Tatort, der erst zwei Tage nach Entdeckung der Leiche genauer unter die Lupe genommen worden ist.

In beiden Fällen wurde der wahre Tathergang ermittelt, im Fall des Elektroingenieurs ist seit dem Wochenende ein 50-jähriger Welser Geschäftsmann in Haft. Wie viele Morde aber vollkommen unentdeckt bleiben, lässt sich schwer abschätzen. Für Deutschland mutmaßen Experten, dass beinahe in jedem zweiten Fall ein Verbrechen unerkannt bleibt. Nur jeder 50. Tote wird dort auf gerichtliche Anordnung obduziert.

Fehlende Ressourcen

„Das ist ein Problem der fehlenden Ressourcen“, gesteht der Leiter der Kriminalabteilung bei der oberösterreichischen Sicherheitsdirektion, Alois Lißl, ein. „In Oberösterreich haben wir beispielsweise nur einen Gerichtsmediziner.“ Auch die Spurensicherung am Tatort oder das Sicherstellen von Beweisstücken sei oft schwierig. „Es gibt so viele Selbstmorde, wir können nicht in jedem Fall alle Kleidungsstücke aufheben, bis die Todesursache eindeutig geklärt ist“, bedauert der Beamte.

An sich sei das heimische System aber anerkannt, selbst deutsche Ermittler würden gelegentlich um Amtshilfe ersuchen. „Aufgrund einer anderen Organisationsstruktur dort kommt es vor, dass wir von bayrischen Kollegen um Hilfe bei der Spurensicherung gebeten werden.“ Vorteile gibt es in Deutschland dagegen bei hochwissenschaftlichen Analysemethoden. „Experten des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden können beispielsweise Fingerabdrücke auf Leichen sichern, das wird bei uns selten gemacht.“ (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

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