Buch über "Das Mordschloss"

17. Oktober 2002, 12:32
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ORF-Journalist fasst Recherchen zur Vernichtungsanstalt Hartheim in Oberösterreich zusammen

Wien - Mindestens 30.000 Menschen sind in den Jahren 1940 bis 1944 im oberösterreichischen Schloss Hartheim bei Linz Opfer des NS-Euthanasieprogramms geworden. Der ORF-Journalist Tom Matzek ist in den vergangenen Jahren den Spuren dieser Vernichtungsmaschinerie nachgegangen und hat zwei TV-Dokumentationen dazu gestaltet. Nun sind seine Recherchen auch als Buch erschienen: "Das Mordschloss".

Recherchematerial verknüpft

Matzek verbindet Archivmaterial, Berichte von Angehörigen der Überlebenden und der Täter sowie eigene Interviews zu einem umfassenden und leicht lesbaren Bild des "Mordschlosses", das mitten im kleinen Ort Hartheim angesiedelt war, sowie des Apparats dahinter, der das industrielle Morden gesteuert hat.

Schon zuvor ein Pflegeheim, waren die Insassen Hartheims von den Nationalsozialisten weg gebracht worden. Der Renaissancebau wurde umgebaut, was nach außen vor allem an einem zusätzlichen Schornstein - dem des Krematoriums - sichtbar wurde. Ein einziges Foto, aufgenommen von einem mutigen Nachbarn, dokumentiert den schwarzen Rauch, der immer wieder aufstieg, wenn Leichen verbrannt wurden.

Schicksale von Opfern und Tätern

Matzek lässt in seinem Buch auch Opfer aus der Anonymität heraus treten. Etwa den Burgenländer Anton Zsifkovics, der es als Viehhändler zu Reichtum und zum Vizebürgermeister seiner Heimatgemeinde Stinatz gebracht hatte. Dem wirtschaftlichen Niedergang in den dreißiger Jahren folgten ein Nervenzusammenbruch und der Aufenthalt in einem Pflegeheim. Am 27. Februar 1941 wird er in Hartheim in der Gaskammer ermordet. Fast 50 Jahre später berichtete sein Sohn Ignaz dem Autor, was eine Tante einmal gesagt habe: "Den Vater wäre gesund geworden, wenn der Hitler ihn nicht vergast hätte."

Berichtet wird aber auch von den Tätern. Vergasungsarzt Georg Renno etwa, der an freien Abenden Flöte spielte und straffrei ausging. Oder dem Chef von Hartheim, Rudolf Lonauer, der sich als liebevoller Vater gab. Am 5. Mai 1945 brachte er zuerst seine Familie und dann sich selbst mit Gift um.

"Wir waren zum Teil noch sehr verachtet ..."

In Hartheim selbst hat wegen der Vernichtungsanstalt Unbehagen geherrscht. Nach dem Krieg wollte man sich aber auch hier offenbar nicht weiter mit dem Geschehenen befassen. Karl Schuhmann, von dem das Foto mit dem rauchenden Schornstein stammt: "Wir waren zum Teil noch sehr verachtet, muss ich ehrlich sagen. Und ich habe einige Male von gewissen Vereinen den Vorwurf hören müssen, dass wir als Widerstandskämpfer den Soldaten an der Front in den Rücken gefallen sind." (APA)

Tom Matzek: "Das Mordschloss. Auf der Spur von NS-Verbrechen in Schloss Hartheim", erschienen im Kremayr & Scheriau Verlag
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    Der Kommissar in Sachen Kriegsverbrechen: Major Charles H. Dameron entdeckte als Ermittler der US-Armee 1945 die Hartheimer Statistik, den wichtigsten Beweis für die Massenmorde des Dritten Reichs in Schloss Hartheim.

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