Oase der Selektion

14. Oktober 2002, 20:11
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Zum Festival des Moderne-Labels Durian Records am Dienstag und Mittwoch im Wiener Konzerthaus

Uli Fussenegger und Werner Dafeldecker präsentieren am 15. und 16. Oktober im Wiener Konzerthaus Musiker, die auf ihrem Moderne-Label Durian Records eine Heimat finden.


Wien - Sie ist stachelig, klebrig und von atemberaubendem Gestank, ihr Fruchtfleisch von umso unwiderstehlicherer Süße. Ja, die Versuchung ist groß, nach Analogien zwischen der kopfgroßen "Königin der Früchte" Südostasiens und den CD-Silberlingen aus Ottakring zu suchen, die unter demselben Signet firmieren. "Durian ist kein Label für Unterhaltungsmusik zu später Stunde", stellen denn auch Werner Dafeldecker (38) und Uli Fussenegger (36) fest, die ihr Label in einem vom Konzerthaus und vom Institut Fünfhaus koveranstalteten Festival präsentieren.

Kein Zweifel, diese Musik will erarbeitet werden. Bietet doch schon das reduktionistische Bookletdesign keinerlei Assoziationskrücken und delegiert seit kurzem selbst die textliche Basisinformation per Homepageverweis ans Internet. Als wolle man bereits auf diese Weise die Spreu der Konsumenten vom Weizen der Zuhörer trennen und Letzteren ruhig, aber unmissver- ständlich zu verstehen geben, dass sie sich den digitalen CD-Inhalt bitte schön gefälligst selbst zu erschließen haben.

So sorgfältig die Corporate Identity von Durian designt scheint, so überlegt der Katalog in den letzten sieben Jahren auf 23 Opera erweitert wurde, so wenig standen hinter all dem Strategien: "Es war Glück. Wir hatten gerade unsere erste Duo-CD veröffentlicht, als sich das Klangforum mit dem Auftrag an uns wandte, schnell eine CD rauszubringen. So hatten wir plötzlich ein Label in Betrieb", resümiert Dafeldecker.

Fussenegger: "Wir sind auch deshalb noch am Leben, weil wir von Anfang an ,nur' unsere Arbeitszeit und unser wachsendes Know-how investiert, die Aufgabe der Finanzierung jedoch den Projektbetreibern und Produzenten überlassen haben. Wir werden oft gefragt, welche Auswahlkriterien wir anwenden: Es sind subjektive, einstimmige Entscheidungen, die mit unserem Umfeld zu tun haben."

Tatsächlich finden Beat Furrers 1. Streichquartett, die frei improvisierten, eklektizistischen Pianomonologe von Oskar Aichinger und der elektronische Soundtrack zum zweiten Teil von Gustav Deutschs Film ist. ihren gemeinsamen Nenner wohl nur im Background der Bassistenkollegen, die in ihrer Sozialisation quasi paradigmatisch die Aufweichung der Genregrenzen zwischen Komposition und Improvisation demonstrieren.

Hier der Jazzautodidakt Dafeldecker, der sich mit Projekten wie Shabotinski und Polwechsel in Bereiche der Neuen elektronischen Musik und der an komponierte Klarheit ange- näherten Improvisationskonzepte vorarbeitete; dort der studierte Instrumentalist Fussenegger, seinerseits Barockmusikspezialist und langjähriges Klangforum-Mitglied.

Labelpolitik heißt vor allem strenge Selektion, Fussenegger: "Manchmal lehnen wir auch Projekte von Kollegen ab, deren Arbeit wir prinzipiell schätzen - bislang ein ungelöstes Problem. Dennoch läuft viel über persönliche Kontakte. Der Anteil derjenigen, die uns per Demoband überzeugen konnten, ist praktisch null. Oft kann man schon beim Anhören elektronischer Musik sagen, welche Software verwendet wird. So wie es 100.000 Keller-Rock-Bands gegeben hat, haben heute viele ihren Computer zu Hause stehen, mit ihren fünf oder drei Programmen drauf." (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2002)

Von
Andreas Felber

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Durian.at
  • Artikelbild
    grafik: durian
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