Wider das "geistige Schenkelklopfen"

7. Oktober 2003, 19:31
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Martin Walser, Träger des "Preises der Kritik", rechnet mit Literaturkritik ab

Zu einer Generalabrechnung mit der Literaturkritik hat der Autor Martin Walser die Entgegennahme des "Preises der Kritik" genutzt. Heutzutage sei der geeignetste Kritiker der, der nichts anzufangen wisse mit dem Buch, das er bespreche, sagte Walser am Donnerstag in Frankfurt. Der Verlag Hoffmann und Campe hatte den 75-Jährigen - dessen jüngstes Werk "Tod eines Kritikers" heißt - wegen seiner Essays über bekannte und unbekannte Autoren als "Literaturvermittler par excellence" gewürdigt.

Walser sagte, er fühle sich nicht als Kritiker; wenn er über Werke schreibe, eigne er sie sich auf seine private Weise an. Der Kritiker dagegen gebe sich der Täuschung hin, ein abschließendes Urteil über den Autor fällen zu können. Er selbst habe nie ein Buch rezensiert, das ihm nicht zugesagt habe, sagte Walser. Dem Kritiker dagegen falle in der heutigen Mediengesellschaft die Arbeit umso leichter, je weniger ihm das Buch gefalle, denn das Publikum amüsiere sich über witzige Verrisse. Walser sprach von "geistigem Schenkelklopfen".

Kritikerpreis: Gesamtausgabe Heinrich Heines und 99 Flaschen Rotwein

Der Autor ist erster Träger des "Preises der Kritik". Verlagsgeschäftsführer Rainer Moritz begründete die Stiftung mit der Notwendigkeit, dass über Bücher gesprochen und gestritten werde. Walsers Aufsätze über Bücher und Schriftsteller wie Jonathan Swift, Marcel Proust und Friedrich Hölderlin seien "Liebeserklärungen", die den Leser anregten, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Der Preis ist mit einer Gesamtausgabe des Klassikers Heinrich Heine - der bei Hoffmann und Campe veröffentlichte - und 99 Flaschen Gigondas, eines körperreichen südfranzösischen Rotweins, dotiert. Walser sagte, er besitze bereits eine 27-bändige DDR-Ausgabe der Schriften Heines, die es an nichts fehlen lasse. Auch über den Rotwein äußerte er sich reserviert; er kündigte an, ihn sechs Literaturwissenschaftlern zu schenken, die demnächst einen Band über Walsers "Tod eines Kritikers" herausbringen. (apa)

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    Martin Walser

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