Zweifel an der Rettung von 800.000 Juden durch die katholische Kirche

10. Oktober 2002, 11:59
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Israelischer Wissenschafter Sergio Minerbi: "Diese Zahl ist aus den Fingern gesogen"

Jerusalem - Der israelische Wissenschafter Sergio Minerbi hält Schätzungen über 800.000 von der katholischen Kirche während des Holocausts gerettete Juden für weit überzogen. "Diese Zahl ist aus den Fingern gesogen", sagte Minerbi in Jerusalem. Der ehemalige israelische Diplomat wollte allerdings auch keine anderen Größenordnungen nennen; eine solche Zahl wäre eine genau so unseriöse Spekulation, sagte er laut Kathpress.

Widerspricht Lehmann

Minerbi, der als einer der hervorragendsten jüdischen Kenner des Christentums gilt und selber während des Zweiten Weltkriegs in einem römischen Kloster versteckt wurde, widersprach damit Aussagen des Mainzer Kardinals Karl Lehmann, der im Zusammenhang mit der Debatte über das neue Buch des amerikanischen Historikers Daniel Goldhagen zum Holocaust erklärt hatte, bis zu 80 Prozent der 900.000 Juden, die im deutschen Machtbereich überlebten, seien von kirchlichen Einrichtungen gerettet worden.

Lehmann habe diese Angabe einem Buch des jüdischen Forschers Pinchas Lapide entnommen, doch auch der habe diese hohe Zahl nicht belegen können, sagte Minerbi. Nach zuverlässigen Schätzungen seien in Rom in kirchlichen Einrichtungen rund 4.000 Juden versteckt worden. In Italien, Polen und Frankreich seien Juden in Kirchen und Klöstern versteckt worden. Der israelische Wissenschaftler kritisierte, dass Geistliche dabei versucht hätten, jüdische Kinder zum Christentum zu bekehren.

Fatales Schweigen

Minerbi wirft der katholischen Kirche vor, zum Judenmord geschwiegen zu haben. Tatsache sei, dass der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen durch einen öffentlichen Aufruf die Euthanasie-Morde habe stoppen können. Dieser Aufruf habe der Kirche nicht geschadet und etwas bewirkt. Ein ähnlicher Aufruf, die Judenmorde zu stoppen, sei nie erfolgt. Priester und Christen seien bei Versuchen, Juden zu retten, völlig auf sich allein gestellt gewesen. "Alle handelten auf eigene Initiative. Es gab keinen Befehl von oben, keine Anweisung des Papstes. Es war keine offizielle Politik der Kirche", beklagte er. Umgekehrt hätten Geistliche wie der Staatschef der Slowakei, Jozef Tiso, sich aktiv an der Vernichtung der Juden beteiligt.

Zu den Vorgängen in Rom sagte Minerbi, dass Papst Pius XII. zu der berüchtigten Razzia am 16. Oktober 1943 geschwiegen habe. Darüber hinaus habe er die jüdische Gemeinde auch nicht über das Vorhaben der Nazis informiert, obwohl dem Vatikan nachweislich das Datum der geplanten Deportation bekannt gewesen sei. Von über 1.000 Deportierten hätten nur 12 überlebt. (APA)

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