Bittersüße Einsichten

16. Oktober 2002, 12:08
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Richard Ashcroft von "The Verve" im Gespräch über sein zweites Solo-Album, Spiritualität, Familie und Brian Wilson.

Überfliegt man die Songtitel des neuen Albums von Richard Ashcroft, läuten erst einmal sämtliche Alarmglocken. Von den "Gesetzen der Natur" und dem "Paradies" ist da die Rede. Zweimal wird "The Lord" angerufen, dann die "Wissenschaft der Stille" gepriesen. "Strahlende Lichter" werden ebenso verkündet wie ein "Mann mit einer Mission."

Das klingt nicht gut. Der Verdacht, hier hätte jemandem im Land der Esoterik um Asyl gebeten und sei bereitwillig aufgenommen worden, schwebt im Raum.

Und angesichts der Vergangenheit Ashcrofts als Frontmann von The Verve scheint diese Gefahr erstmals irgendwie im Bereich des Möglichen zu liegen. Immerhin galten die Briten als nicht gerade zurückhaltend in ihrem Umgang mit verbotenen Substanzen.

Ein Umstand, der sich in ihrer Musik entsprechend widerspiegelt: Zähe Psychedelia aus den Sixties trafen auf die Rave-Kultur der späten Achtziger und frühen Neunziger. Man warf eine Handvoll Ecstasy ein, steckte sich einen Ofen an und entlud sich musikalisch in ausladenden Wall-of-Sounds mit Rockgitarre im Mittelpunkt.


Das wahrscheinlich beste Beispiel dafür lieferten The Verve mit dem dröhnenden Manifest This Is Music von ihrem Album A Northern Soul aus 1995.

Nach dem dritten Album Urban Hymns und den darin enthaltenen Hits Bitter Sweet Symphony und The Drugs Don't Work Any More beschritt Ashcroft Solowege und veröffentlichte im Jahr 2000 sein Debüt Alone With Everybody.

Nun erscheint sein zweites Werk, Human Conditions, und die eingangs angeführten Titel lassen auf jene Art Läuterung schließen, wie man sie von ehemaligen "bösen" Buben kennt.

Doch die vermeintlich esoterische Breitseite zum Zweck einer Sinnbildung im Leben nach dem Exzess ist bei näherer Betrachtung die Fortführung einer Ausdrucksform in Sprache und Sound, die The Verve bereits benutzten. Auch damals mussten schon Gott und Jesus herhalten, wenn sich die zugeführten "Feelings" zu intensiv anfühlten, um noch mit irdischem Vergleichen beschrieben zu werden.


Ashcroft über seine neue Platte: "Ich wollte mit Human Conditions ein spirituelles Album machen. Nun geht man aber nicht einfach her, sagt das, und der Rest geht von selbst. Es war harte Arbeit. Ich hatte ein Ergebnis anvisiert, das so wie Marvin Gayes What's Going On funktionieren sollte. Also sowohl spirituell, aber doch wirklichkeitsbezogen und am Boden der Realität verhaftet."

Tatsächlich ist die von Ashcroft beanspruchte Spiritualität keine religiöse im herkömmlichen Sinn. Gott, Jesus, das Paradies und der Rest der von dem Briten bemühten Allgemeinplätze müssen viel mehr als Metaphern für seine gesteckten Ziele herhalten, denen er versucht, unter Einfluss ganz persönlicher Umstände wie Familie, Haus am Land, Drogenvergangenheit und Rockstar-Dasein, so nahe wie möglich zu kommen. Musik als Erlösung ohne den Ballast des Glaubens am Weg dorthin.


Ein Zugang, den auch die mit ähnlich klingenden Ergebnissen wie Ashcroft aufwartende Band Spiritualized pflegt. Auch diese errichten mächtige Sound-Türme und holten für ihr letztes Album nebst einem riesigen Orchester auch gleich einen vielköpfigen Gospelchor ins Studio.

Ashcroft: "Ich liebe Gospelmusik wegen ihrer Klarheit. Auch wenn meine Musik nicht wie klassischer Gospel klingt, ist seine Kraft und Reinheit etwas, das ich versuche zu erreichen." Woher bezieht er die Inspiration dafür? "Aus allem, was mich umgibt. Im Moment ist das nicht sehr viel, weil ich mit meiner Familie am Land wohne. Gleichzeitig ist das aber auch alles. Die größte Inspiration ist meine Familie. Sie ist dafür verantwortlich, dass ich mich sehr stark fühle. Diese Kraft steckt in dem Album, und seine Inhalte speisen sich aus Fragen, die man sich stellt, wenn man plötzlich einen Sohn und damit eine neuartige Verantwortung hat. Man bemüht sich positiver zu sein."


Diesen Versuch unternimmt der 30-Jährige mit breit angelegten und zeitlich großzügig bemessenen Songs: Streicher arbeiten den angestrebten großen Gefühlen zu, Hörner demonstrieren Erhabenheit. Talvin Singh sorgt an den Tablas im Rhythmusbereich für Bewegung und Abwechslung. Es zirpen Harfen, und die Gitarren werden wahlweise akustisch oder elektrisch angelegt. Ehefrau Kate, die früher bei erwähnten Spiritualized gespielt hat, drückt die Keyboardtasten. Selbst filigrane Songs orientieren sich an Phil Spector, jenem Produzenten, den Ashcroft als wichtigen Einfluss angibt.

Durch Zufall ergab es sich, dass Ashcroft den weltgrößten Verehrer Spectors, Beach Boy Brian Wilson, für einen Song gewinnen konnte. Ashcroft: "Ich liebe das Album Pacific Ocean Blue von Brians Bruder Dennis Wilson. Das habe ich jemandem erzählt, der Brians Manager kennt. Der hat angefragt, ob Wilson Interesse hätte, auf meinem Album einen Gastauftritt zu absolvieren. Ein paar Anrufe später sagte er zu. Er hat seinen Gesang für Nature Is The Law in L. A. aufgenommen. Obwohl ich nicht mal dabei war, war ich so nervös wie kaum je zuvor."

Letzte Frage: Sind Sie ein Man On A Mission? Ashcroft: "Das werde ich jetzt oft gefragt. Offenbar ist der Titel schlecht gewählt. Aber mittlerweile fühle ich mich ein wenig so, ja. Ich entferne mich langsam von den egoistischen Sichtweisen von früher hin zu einem sozialeren Wesen. Darin liegt viel positive Energie. Diesen Wandel und das Gefühl dabei zu vermitteln, kann man durchaus als Mission betrachten." (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Von Karl Fluch
  • Richard AshcroftHuman Conditions (Virgin)
    foto: virgin

    Richard Ashcroft
    Human Conditions
    (Virgin)

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