Auf jeden Fall "beste Gesundheit"

11. Oktober 2002, 18:03
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Ein Stimmungsbericht vom SPÖ-Wahlkampfauftakt von Claus Philipp

Wien - Kunst-Stücke moderieren zu dürfen: Die Zeiten sind vorbei. Am Donnerstagabend steht Andrea Schurian auf der Bühne des Wiener Museumsquartiers vor einer neuen Aufgabe: einem Abend, der "spannend, informativ und motivierend" werden soll. Ja, Alfred Gusenbauer kommt gleich, aber - Weil der Mensch zählt - "heute stehen vor allem Sie im Mittelpunkt", verspricht Schurian dem Publikum. Also wird dieses Publikum mit Spots beleuchtet, wenn es applaudiert. Und das wird auf einen großen Videomonitor übertragen. Schnell verfestigt sich der Eindruck: Dies ist weniger eine Liveveranstaltung als eine Direktübertragung. Den feinen Unterschied kennen vermutlich die Spin-Doktoren.

Vor, auf und rund um das Podium drängen sich Fotografen, Kameraleute und Journalisten, die später die Bits and Pieces, die hier verabreicht werden, in die dafür verfügbaren medialen Kanäle schleusen werden. Auf der Leinwand sieht man sie naturgemäß nicht, was die Diskrepanz zwischen dem, was passiert, und dem, was gezeigt wird, erhöht. Eine gewisse Nervosität ist unüberhörbar. Im Foyer hat sich vorher einer über die Bierpreise im MQ mokiert: "Drei Euro für a Seidl, des kaun se doch ka Hackler leisten."

Andererseits, so Schurian: "Die SPÖ ist jetzt moderner und weiblicher!" Das bestätigt kurz darauf neben ihr auch "Magenta" aus Taxi Orange, eine junge Frau, deren "soziales Engagement allseits bekannt ist". Und es stört offenbar den Schauspieler Felix Dworak nicht, um dessen Belange sich heute "Kreiskys linke Hand Karl Blecha als Seniorensprecher kümmert": So vertragen sich auf dem Monitor Alt und Jung, Mann und Frau, Profi und Amateur, ehrwürdiges Gestern und dynamisches Heute. Bis der Saal zu Patti Smiths People Have the Power sehr unvermittelt wachgerüttelt wird.

Oben auf der Leinwand: Momentaufnahmen aus dem Wahlkampf und Leben Alfred Gusenbauers - an Werkbänken und vor Würstelständen ist er "Mensch". Wie ein Superchampion hingegen soll er empfangen werden: Lasset die Kinderlein, ganz in Rot, vor ihm, seiner Lebensgefährtin und den Parteifreunden Michael Häupl und Franz Vranitzky in den Saal strömen, auf dass er sie vor der Bühne herze und grüße! Und dann: Daumen hoch. Und noch einmal. Weil der Mensch zählt. Neben dem Podium liegen für nachher noch einmal Hunderte rote Rosen.

Er oder ER oder wer?

Wer, wenn nicht er? - fragt denn auch im Anschluss gleich Häupl, meint damit aber den anderen ER: den, dessen Regierung "alle Versprechen, die sie zweieinhalb Jahre lang gemacht hat, gebrochen" hat - wobei in Häupls Diktion "Versprechen brechen" und "Verbrechen" schnell ineinander übergehen. Rührt das diesen ER, von dem zumindest Häupl "nicht genau weiß, ob ihm jeder ein Auto abkaufen würde"? Er, Häupl, würde jedenfalls diesen ER - diesen "Mann mittleren Alters mit Brille" (doch Gusenbauer?) sicher nicht wählen. Und vermutlich würde das auch keiner der Anwesenden im Saal tun, denn: "Wie oft mussten wir uns im Ausland für etwas rechtfertigen, das wir gar nicht getan haben! Denn wir haben sicher den ER nicht gewählt!" Es muss "er" her, "der Beste", Alfred Gusenbauer.

Und der stellt uns nun, nachdem sich eigentlich alle einig sind, bei seiner Rede trotzdem noch einmal vor die Alternative. Entweder "schwarz-blaues Chaos und gebrochene Versprechen" oder "faire Chancen für alle" bis hin zu "bester Gesundheit". Letzteres wirkte selbst für manche Fans ein wenig überraschend: "Wos hot er jetzt g’sogt"? Egal: Gusenbauer wiederholt sich gerne, wie ein Südstaatenprediger. Sein Refrain: "Für diese Regierung zählen die Menschen nicht!" Seine Regierung hingegen: Da wäre der Mensch mit dem nötigen Teamgeist im Vordergrund - "und der ist stärker als die Einzelkämpfer".

Die Sozialdemokraten hätten aus ihren Fehlern gelernt, so Gusenbauer. Man werde sparsam haushalten und trotzdem Studien- und Ambulanzgebühren wieder abschaffen. Und man werde bei Regierungsverhandlungen offen sein sowohl für Grün als auch für den ER, zu dem Gusenbauer durchaus selbstkritisch anmerkt: "Ein Fall für Schönheitskonkurrenzen sind wir ja beide nicht."

"Aber jetzt geht’s los!" Also: noch ein Gruppenfoto mit Bundeshymne. Ein Meer von Luftballons. Irgendwo im Hintergrund steht Andrea Schurian und klatscht mit, wenn sie beobachtet wird. Dann: endlich Freibier. Und Wein. Tramezzini, Hot Dogs, mit Shrimps gefüllte Crepes. "Hobt’s irgendwos G’scheides a?" Draußen vor dem MQ steht dann ein freundlicher Herr mit Rucksack im Regen und verteilt Flugblätter "für Rot-Grün": Peter Kreisky. Die SP-Funktionäre, die in Sicherheitsabstand zu ihm die jüngsten Nachrichten auf den Mailboxen ihrer Handys abfragen - sie "übersehen" ihn, ein wenig konsterniert.

Ach ja, und wenn man dann noch einmal hineingeht, rüber zur Kunsthalle zu Deanimated, der neuen Ausstellung von Martin Arnold, da stehen dann tatsächlich Männer in Monteurskluften. Deplatzierte "Hackler"? Nur beinahe. Kunsthallenchef Gerald Matt, einst Sekretär der Wiener SP-Kulturstadträtin Ursula Pasterk (fast wäre er übrigens wegen Weil der Mensch zählt zu spät zur Vernissage gekommen) - er wünscht sich seit neuestem für sein Aufsichtspersonal dieses Outfit, weil: "Die klassischen Uniformen gefallen mir nicht. Und graue Anzüge sind mir zu farblos." Und wie wär’s mit Kunsthalle-T-Shirts? Matt, angewidert: "Entschuldigung, aber ein T-Shirt ist doch kein Arbeitsgewand!"

(Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.10.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gusenbauer bei der Wahlkampfauftakt- Veranstaltung im Museumsquartier in Wien.

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