Denn sie wissen, was sie tun

7. Oktober 2002, 11:44
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Orden und sonstige Ehrenzeichen sind an sich kein Thema, das mir einer besonderen Beschäftigung wert scheint... - ein Kommentar von Heide Schmidt

Orden und sonstige Ehrenzeichen sind an sich kein Thema, das mir einer besonderen Beschäftigung wert scheint. Als junge Beamtin hatte ich ein einziges Mal der Verleihung eines Verdienstzeichens zugestimmt (das ist nämlich die Voraussetzung dafür, dass man es bekommt), weil ich damals des naiven Glaubens war, damit würde tatsächlich meine engagierte Leistung gewürdigt. Sehr bald aber erkannte ich derartige „Auszeichnungen“ als oftmals beleidigende Farce (wenn z.B. ein Mitauszuzeichnender ein devoter Hohlkopf war) und lehnte fortan angebotene Orden ab.

Ungeachtet dessen gibt es Menschen, die sich (und zwar durchaus zu Recht) sehr wohl durch Orden anerkannt fühlen und v.a. ist die Ordenstrategie auch Teil der Diplomatie, wie wir kürzlich wieder in Erinnerung gerufen bekamen. Gerade deshalb ist das jüngste Beispiel einer Ordensverleihung skandalös und verlangt nach öffentlicher Wahrnehmung. Nach Meinung der schwarz-blauen Koalition hat der Chef der italienischen Postfaschisten Gianfranco Fini für Österreich derart hervorragende gemeinnützige Leistungen vollbracht, dass er mit dem zweithöchsten Ehrenzeichen, das die Republik überhaupt zu vergeben hat, ausgezeichnet werden musste.

Der Bundespräsident, der ab und an seine Unterschrift unter vorgeschlagene Beamtenernennungen verzögert, fand die schwarz-blaue Idee gut genug, um sie sofort umzusetzen. Die Eile der Unterschrift geht sozusagen in einem Aufwaschen mit der eiligen Ernennung von schwarz-blauen Verfassungsrichtern und –präsidenten. Die Ordensgeschichte mit der Ausrede diplomatischer Usancen herunter zu spielen, halte ich für ziemlich unverschämt. Einerseits anderen OrdensträgerInnen gegenüber, anderseits wegen der generellen Abwertung „hervorragender gemeinnütziger Leistungen“. Wenn davon auszugehen ist, dass Regierung und Präsident wissen, was sie tun, ist es kein Zufall, dass ausgerechnet der (Post-)faschist Fini so hoch in der Gunst von Schwarz-Blau steht.

NACHLESE

--> Die alten Rezepte- 19.9.2002
--> Koalition mit der Unredlichkeit - 29.7.2002
--> Ich schäme mich für diese Regierung! - 10.7.2002
--> Schutz ja – aber vor dem Vorurteil! - 26.6.2002
--> Rechtsruck in Europa: Antisemitismus – was ist das? - 3.6.2002
--> Gewöhnung frisst Empörung auf - 21.5.2002
--> Der nächste Angriff auf die Unschuldsvermutung - 2.5.2002
--> "Christliche" Heuchelei - 22.4.2002
--> In Zeiten wie diesen - 8.4.2002
--> Eine Frage des Respekts - 22.3.2002
--> Der private Landeshauptmann - 11.3.2002
--> Der Strafpfiff - 22.2.2002
--> Die Ablenkungsenquete - 8.2.2002
--> Regieren ist nicht Privatsache - 25.1.2002
--> Klartext, Herr Präsident! - 11.01.2002
--> Der verlorene Verfassungsbogen - 20.12.2002
--> Linke und rechte Moral? - 7.12.2002
--> Keine Details - welches Stück? - 22.11.2002
--> Autoritäre Reflexe und kein Ende! - 9.11.2002
--> Weitere Kommentare von Heide Schmidt, die in der Rubrik "Fremde Feder" erschienen sind.

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.
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    foto: der standard/cremer
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