Hüfte in den Mund verpflanzt

4. Oktober 2002, 19:10
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Beim Wiener Welt-Zahnärztekongress wurde ein revolutionierendes Verfahren vorgestellt, das in Wien entwickelt wurde

Wien - "Kein Schmerz, nur eine geringe Erwärmung und kein Geräusch. Das ist bei Kindern manchmal der einzige Weg, sie zu behandeln." Zahnarzt Wolfgang Sperr arbeitet bereits mit dem Laser, der den Bohrer dereinst gänzlich aus den Praxen verbannen soll. Noch ist die Technik nicht ausgereift genug, sind die Anwendungsgebiete begrenzt. Was sich bereits in zehn Jahren ändern könnte.

Beim Welt-Zahnärztekongress, zu dem sich vergangene Woche im Wiener Austria Center gut 10.000 Experten einfanden, wurde aber noch weiter in die Zukunft geblickt: Diese werde ein Wettlauf mit Karies und Lebenserwartung.

"Gerade bei den jungen Menschen hat sich in der Prophylaxe sensationell viel getan. Doch ein Teil dieser Erfolge wird durch die zunehmende Lebenserwartung wieder aufgefressen", erklärt Georg Watzek, Vorstand der Wiener Uni-Klinik für Zahn-, Mund-und Kieferheilkunde.

"Bei einer Lebenserwartung von über 80 Jahren sowie einer partiellen Zahnlosigkeit von mehr als sechs fehlenden Zähnen bei 82 Prozent der über 65-Jährigen muss der Behandlung mit Implantaten eine besondere Bedeutung zugemessen werden." Zusätzliches Problem: Rund 50 Prozent der über 70-Jährigen leiden auch noch an krankhaftem Knochenschwund. Das betrifft auch den Kiefer.

Genau in diesem Bereich kommt ein revolutionierendes Verfahren aus Wien, das zum Abschluss des Kongresses heute, Samstag, vorgestellt wird. Ob Zahnverlust nach Parodontose oder große Schäden nach Unfällen oder Krebs: Wenn der Kieferknochen fehlt, wo soll ein Zahnersatz verankert werden? Kurt Vinzenz, Vorstand der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Evangelischen Krankenhauses Wien, propagiert den körpereigenen Ersatz. Mit internationalem Erfolg.

Hier bieten sich zwei Verfahren an: Die Gewinnung von Eigenknochen und Transplantate, die aus anderen Knochen im Körper gewonnen werden.

Bei der Eigenknochengewinnung "werden in den Kiefer kleine Sägeschnitte gesetzt. Durch eine Apparatur, ähnlich einer Zahnspange, wird der Knochen dann gedehnt. Dadurch kommt es in dem Spalt an den Schnitten zur Neubildung von Knochen", erklärt Vinzenz.

Bei großen Defekten allerdings kommt man damit nicht mehr aus. Da bedient man sich gerne der - eigenen Hüfte.

Aus dem Becken des Patienten werden Stücke geschnitten, in diese kommen die Implantate (Metallstifte), auf die später die Zahnkronen aufgeschraubt werden. Zudem erfolgt eine Beschichtung mit Haut. Vinzenz: "Uns ist es weltweit erstmals gelungen, auf diese Weise ein solches Knochenimplantat mit einer Mundschleimhaut zu besiedeln und dann in den Kiefer einzusetzen." (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 10. 2002)

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