Die Versuchungen Aquitaniens

3. Oktober 2005, 15:53
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Aquitanien ist ein Land der Verlockungen. Roman Freihsl versuchte gar nicht erst, ihnen zu widerstehen: den Bordeaux-Weinen, den Enten und Austern. Um dann auf dem Rad gegen das schlechte Gewissen anzustrampeln

Was soll man schon groß machen angesichts dieser übermächtigen Versuchungen? Am einfachsten: Man erliegt ihnen. Gibt sich ihnen hin. Kostet sie aus bis zum Letzten. Wer einen auf Askese machen will, kann gleich daheim bleiben und bescheiden sein Knäcke knabbern und am Tschapperlwasser nippen.

Aber in Südfrankreich? In Aquitanien? Im Département Gironde? In Bordeaux? Wo beispielsweise ein Michel Bordage im Restaurant Vieux Bordeaux aufkocht, dass es nur so eine Freude ist? Wenn etwa diese verblüffende Taube nur in Begleitung von Früchten aufgetischt wird. Dann dieses sensationell zarte Kalbfleisch und zum Abschluss eine Crème Brulée mit Honig und Safran.

Hingeben. Auskosten.

Am nächsten Morgen drückt erst das Bäucherl gegen den Gürtel und in der Folge das Gewissen. Daheim würde man jetzt vielleicht laufen gehen. Oder es sich zumindest ernsthaft vornehmen. In Bordeaux bietet sich mehr denn je das Strampeln auf dem Rad an. Weil es ja doch einiges anzuschauen gibt. Und neuerdings auch auf dem "Talking Bike" - einem Fremdenführer, der getreten werden will. Ein Rad, das einem gleich die Stadt erklärt.

Derzeit ist dies allerdings ein leicht getrübtes Vergnügen, da die halbe Stadt für ein neues öffentliches Verkehrsmittel umgebuddelt wird oder irgendwelche Tiefgaragen ausgehoben werden.

Also Radwechsel auf ein Trekking-Gerät und nichts wie raus aus der Stadt. Schließlich erfährt man das, was Bordeaux ausmacht, ohnehin besser rundum - in den Weingärten. Eine neuere der aquitanischen Radrouten, die bereits ein Netz von insgesamt 1000 Kilometern bilden, heißt "La piste Roger Lapébie". Und die führt auf einer aufgelassenen und asphaltierten Bahnstrecke gemächlich hinaus nach Entre deux Mers, jenem Landstrich zwischen den Flüssen Garonne und Dordogne. Und dort wird bitte schön einiges an Ersatz für das unterwegs Hinausgeschwitzte geboten.

Die spätmittelalterliche Stadt Cadillac etwa ist nett zu besichtigen - aber noch netter sind die Süßweine, die im Maison des vins, dem Haus der Weine, auf das Verkostetwerden warten. Sie sagen hier zwar, wer Süßweine herstellt, muss verrückt sein - und trotzdem schaut am Ende ein erstaunliches Preis-Leistungs-Verhältnis heraus.

Ähnliches gilt auch für die Auberge du Lion d'Or in Targon. Nein, nicht das Verrücktsein - sondern der Preis bei dieser Leistung. Die zeigen hier zum Beispiel, was die hiesigen Enten alles so hergeben. Erst die Suppe, dann die Würstel, die Blutwurst, die Leber im Brüsterl . . . Das ganze Menü kostet dann schmächtige zehn Euro. Und wenn es besonders mundete, können die Produkte gleich beim Bauern erworben werden, da es sich um einen Betrieb der Ko- operative L'Assiette de Pays handelt.

Das Sich-Hingeben nimmt kein Ende. Selbst in Orten wie Saint Emilion, die man wirklich nicht mehr gesondert preisen muss. Was soll man auch noch über dieses mittelalterliche Juwel und seine nicht minder bekannten Weine schwärmen? Da kann man höchstens noch raten: Bitte die Makronen nicht verpassen. Und auch nicht die Cannelés. Und dann das alles schnell wieder vom inzwischen schon leicht ausufernden Ranzen runterradeln. Nebenbei kann man hier eine interessante Theorie hören: Einstens sei einmal der Herzog von Aquitanien englischer König geworden. Also sei England genau genommen ein Teil Aquitaniens. So viel zum Selbstbewusstsein dieser Region.

350 der 1000 Kilometer Radwege in Aquitanien wurden entlang der Küste angelegt. Es lockt vorwiegend Sandstrand. Etwa in der Bucht von Arcachon, für die es einen zentralen Begriff der Versuchung gibt: Huîtres. Austern. Zu Tausenden wachsen sie hier an den aus dem Meerwasser ragenden Stangen heran. Schließlich sind die seichten Ausläufer dieser Bucht wie geschaffen für die Austernzucht, wo bei Ebbe sogar mit dem Traktor zwischen gestrandeten Booten gearbeitet wird.

Hier in der Bucht von Arcachon wird als Zugabe zum Austernschlürfen vor allem eines geboten: Legenden. Und zwar nicht nur, weil man am Cap Ferret beim Radeln gelegentlich auch einige französische Prominenz erspähen könnte. "Hier lebt ein sehr berühmter Mann", wird etwa berichtet. Aber der ist anders berühmt, nur deshalb, weil die Dünen stets in Bewegung sind. Herrn Bartherote jedenfalls sei bereits ein Teil des Hauses mitsamt der Düne ins Meer geplumpst. Jetzt versucht er mit riesigen Steinen den Rest abzusichern. Und es schaut nicht sehr gut für Herrn Bartherote aus.

Nach dieser kulinarischen und radlerischen Versuchungs- und Läuterungstour lockt nur noch eines: eine Behandlung im lokalen Thalassotherapie-Zentrum. Blubberndes Seelebaumeln im Algenbad entspannt den strapazierten Leib.

Aber dann wieder ein Fest, bei dem eine "Banda", diese Blasmusikkapelle der Ekstase, die Lebenslust zum Explodieren bringt. Und das Menü fast den Bauch. Alles Genossene ist noch einmal Thema, will noch einmal genossen sein - die Austern, die Enten, ein Entrecôte, die Weine.

Und die Banda spielt dazu. Und hört gar nicht mehr auf. (Roman Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 27.09.2002)

Info

Maison de la France
Argentinierstr. 41A,
1040 Wien
Tel. 01 / 503 28 9218
www.franceguide.com

Comité Régional de Tourisme d'Aquitaine
Cité Mondiale
23, parvis des chartrons
F-33074 Bordeaux
Tel.:0033 / 05 / 56 01 70 00
www.crt.cr-aquitaine.fr
  • Blick auf die gotische Pracht von Saint Emilion
    foto: david

    Blick auf die gotische Pracht von Saint Emilion

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