Falscher Zahnarzt: 20 Monate Haft

26. September 2002, 09:25
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Zimmermann hatte sich als Zahnarzt ausgegeben und 34 seiner Patienten falsch behandelt...

St.Pölten - Ganz in dezentes Mausgrau gekleidet wirkt Wolfgang G. eher ängstlich und schüchtern denn selbstbewusst. Dabei war es doch just sein forsches Auftreten gewesen, das den Niederösterreicher Mittwoch ins Straflandesgericht St. Pölten führte. Sein Auftreten und ein weißer Ärztekittel. Bis zu zehn Jahren Haft standen zu Beginn der Verhandlung im Raum. Neben Einbruchsdiebstälen, gewerbsmäßigem Betrug, Körperverletzung und Urkundenfälschung warf Staatsanwalt Gerhard Sedlacek dem geständigen 28-Jährigen auch Kurpfuscherei vor.

Der arbeitslose Zimmermann hatte sich als Zahnarzt ausgegeben. Und ordiniert - mit mäßigem Erfolg. Wenigstens 34 seiner Patienten hatten nach der ihnen angediehenen Behandlung größere Probleme als zuvor. Einem zog Wolfgang G. sogar den falschen Zahn - den gesunden. Die anderen bedachte er primär mit Wurzelbehandlungen und Zahnfüllungen. Im April flog der Schwindel auf.

Im AKH auf Beutezug

Begonnen hatte der hoch verschuldete Mann seine medizinische Laufbahn vor sechs Jahren in Wien. Im AKH war Wolfgang G. auf der Suche nach Bargeld. Und da er sich bei seinen Beutezügen durch die Spitalszimmer nur ungern von Krankenschwestern oder sonstigem Personal stören ließ, zog er sich einen weißen Arztkittel an. "Da habe ich aber noch nicht daran gedacht, mich als falscher Arzt auszugeben", beteuerte er vor Richter Peter Rauch, wippte nervös mit seinem rechten Bein und wischte sich den Schweiß von seiner sehr hohen Stirn.

Hilfsarbeit in der Zahnarztpraxis

"Erst danach kam ich auf diese Idee." Danach war Attnang-Puchheim. In einer Zahnarztpraxis war er als Hilfsarbeiter beschäftigt. Zumindest bis er sich mit dort gefundenen Diplomen und Stempeln zum Zahnarztgehilfen machte - freilich in anderen Praxen. Dort hielt es ihn aber nicht lange, kaum einer seiner Arbeitgeber war mit seinen Leistungen zufrieden.

Bei einem seiner vielen Einbrüche in Zahnarztpraxen erwischte er neben der Promotionsurkunde auch den Reisepass eines Mediziners. Ein wenig gefälscht - schon war Wolfgang G. am Höhepunkt seiner medizinischen Karriere, er war endlich Zahnarzt. Als eine richtige Zahnärztin in Tulln per Inserat eine Urlaubsvertretung suchte, hatte der falsche Zahnarzt auch einen Arbeitsplatz. Zumindest für vier Wochen, dann wurde er von seiner neuen Chefin abermals ins AKH geschickt - zur Nachschulung.

"Ich möchte Kraffahrer werden", verriet Wolfgang G. dem Richter. Wenn er die Haftstrafe dereinst abgesessen haben werde. Dann könne er auch darangehen, den verursachten Schaden wiedergutzumachen. Das Urteil für den gelernten Zimmermann: 20 Monate unbedingte Haft. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 26.09.2002)

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