Dentisten, Tiere, Attraktionen

24. September 2002, 17:54
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Die Wahlzentralen schicken ihre Spitzenkandidaten aus - Mitunter bewusst ins gegnerische Feld

Wien - Auf der Bühne heißt es, gegen Tiere und Kinder hat der Hauptdarsteller keine Chance. In der politischen Arena gilt das offenbar nur eingeschränkt. Denn in Wahlkampfzeiten steigt die Bilderproduktion mit Spitzenkandidaten, die Tiere herzen oder sich mit etwas größeren Kindern, nämlich wahlberechtigten Jugendlichen, an der Werkbank sehen lassen.

Oder am Behandlungsstuhl in der Jugendzahnklinik, in der SP-Vorsitzender Alfred Gusenbauer am Montag vorbeischaute, um Stimmung für sich und seine Partei zu machen. Nicht aus Eigennutz - Gusenbauer hat vor kurzem eine Wurzelbehandlung hinter sich gebracht -, sondern um bei jungen Menschen zur Bewusstseinsbildung in Sachen Gesundheit beizutragen, so seine Berater. Unter dem Motto "Hinaus zu den Menschen" soll der SP-Chef unter die Leut’ gebracht werden: Mit Betriebsbesuchen verschiedenster Art ("Vom Hightech-Konzern bis zum kleinen Familienbetrieb") kommt einmal mehr ein roter Wahlkampfklassiker zu Ehren.

Sozialminister Herbert Haupt, Interims-Spitzenkandidat der Freiheitlichen, besuchte seiner Zivilprofession als Veterinärmediziner entsprechend das Tierschutzheim Arche Noah in Graz, um vor bellender Kulisse Wahlwerbung zu treiben. Nur solche Auftritte, die einen engeren thematischen Zusammenhang mit der beruflichen Qualifikation oder den politischen Schwerpunkten hätten, seien glaubwürdig, sagt dazu FP-Generalsekretär Karl Schweitzer. Niemals würde er etwa Justizminister Dieter Böhmdorfer, der auch für Konsumentenschutz zuständig ist, als Eisverkäufer zu Werbezwecken abstellen: "Das wäre lächerlich." - Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat eben dieses Sujet sehr wohl schon inszeniert.

FPÖ-Spitzenkandidat Mathias Reichhold soll demnach "in allen Bundesländern in allen Bereichen" wahlkämpfen, die weiteren Spitzenleute "sehr zielgruppenorientiert auftreten", so Schweitzer.

Zielgruppenspezifisch will auch VP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat ihr Spitzenteam ins Feld schicken - und scheut dabei nicht davor zurück, quasi "auf rotem Stammboden" den schwarzen Wahlkampfauftakt in Szene zu setzen. Wenn alles klappt, soll der VP-Event am 27. Oktober just am Voest-Gelände in Linz stattfinden.

Mit den Österreich-Tagen habe die ÖVP ihre Politiker ohnedies seit dem Sommer "bei den Menschen". Was die Bilder der Auftritte anlangt, gebe es klare Grenzen, so Rauch-Kallat: Von einem Hospizbesuch des Kanzlers habe es bewusst keine Fotos gegeben.

Wähl-Bar für Joschka

Den Grünen fällt es derzeit leichter zu sagen, was sie nicht wollen: kleine Kinder küssen und Bierzelte füllen. Der einzige fixierte Termin ist der Wahlkampfauftakt. Er soll am 21. Oktober in Graz über die Bühne gehen. Das Dreierteam - Alexander Van der Bellen, Eva Glawischnig und Karl Öllinger - wird meist einzeln auf Ländertour gehen. Glawischnig wird sich dabei besonders um die Jung- und Erstwähler kümmern. Bei ihren Auftritten wird eine so genannte "Wählbar" dabei sein - und die gibt’s auch schon im Internet (www.waehlbar.at). Gebastelt wird auch an einem grünen Highlight: Joschka Fischer soll nach Österreich kommen. Ob und wann, ist noch offen. (nim, pm, kob/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2002)

Den einen zieht es ins Tierheim, den anderen in die Zahnklinik. Andere würden niemals ins Bierzelt gehen. Die Wahlzentralen der Parteien schicken ihre Spitzenkandidaten ins - mitunter bewusst gegnerische - Feld. Tuchfühlung mit dem Wahlvolk und positive Images sind gefragt.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gusenbauer beim Tischfussballspielen in der Kelag Lehrlingsschule in St Veita n der Glan

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