"Willkür und Rechtswidrigkeiten" bei Prüfungsanerkennung

23. September 2002, 16:10
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Umfrage bei Vorsitzenden von Studienkommissionen brachte erhebliche Mängel zu Tage

Wien - Die Anerkennung von Uni-Prüfungen, die an einer anderen Hochschule oder Studienrichtung abgelegt wurden, ist nicht immer einwandfrei. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die der Salzburger Erziehungswissenschafter Bernhard Seyr im Rahmen seiner Dissertation erstellt und am Montag im ORF-Science-Channel vorgestellt hat. Seyr ortet zum Teil "Willkür" und "Rechtswidrigkeit".

Über die Anerkennung von Prüfungen entscheiden die Vorsitzenden der Studienkommissionen (Stuko), die an den Unis für alle Studienrichtungen eingerichtet sind. Laut Universitätsstudiengesetz (UniStG) müssen gleichwertige Prüfungen, die außerhalb der eigenen Studienrichtung abgelegt wurden, nicht nochmals gemacht werden. Für seine im Rahmen des DOC-Programms der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geförderte Untersuchung hat Seyr allen Stuko-Vorsitzenden der erziehungs- sowie sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Studienrichtungen (insgesamt 36) einen Fragebogen sowie Musterfälle zur Beurteilung zugesendet. Rund drei Viertel davon haben geantwortet.

Ernüchterndes Ergebnis

Seyr bewertet die Ergebnisse als "ernüchternd": Nur 70 Prozent der Musterfälle seien juristisch vertretbar beurteilt worden, bei einem Viertel wurden "erhebliche juristische Mängel" festgestellt. Auch bei der abgefragten Einschätzung von Kriterien, die den Stuko-Vorsitzenden bei der Prüfungsanerkennung wichtig bzw. unwichtig sind, ortet Seyr Probleme. So hielten 39 Prozent der Vorsitzenden die so genannten ECTS-Anrechnungspunkte bei ihrer Entscheidung für unwichtig. Doch das European Credit Transfer System (ECTS) wurde auf europäischer Ebene gerade dazu geschaffen, eine bessere internationale und auch nationale Vergleichbarkeit der erbrachten Leistungen zu erleichtern und dadurch die Mobilität der Studenten zu fördern.

57 Prozent der Befragten meinten, dass es für ihre Entscheidung bedeutsam sei, in welcher Studienrichtung die anzuerkennende Prüfung abgelegt wurde. Mehr als jeder dritte Stuko-Vorsitzende (35 Prozent) hält es zudem für wichtig, an welcher Universität eine Prüfung absolviert wurde. "Diese fragwürdige Sichtweise ist angreifbar", meint Seyr, im Fall einer Berufung würden solche "fragwürdigen Begründungen" höchstwahrscheinlich nicht stichhaltig genug sein. Vielmehr sollten Inhalt, Umfang und Prüfungsmodus ausschlaggebende Kriterien sein. Jeder vierte Befragte (26 Prozent) zieht für seine Entscheidung den Ruf des Prüfers, der die anzuerkennende Prüfung abgenommen hat, als Kriterium heran. "Dies ist eindeutig willkürlich und rechtswidrig", so Seyr, da die Einschätzung eines Rufs nicht objektiv möglich sei.

"Bedauerlicherweise seien viele Stuko-Vorsitzende über die rechtlichen Vorgaben zu wenig informiert, da sie Experten innerhalb ihrer Wissenschaft, jedoch keine Juristen sind", zieht Seyr Resümee. Er empfiehlt eine bessere Schulung und verstärkte juristische Unterstützung der Stuko-Vorsitzenden. (APA)

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