Bei MobilCom wackeln bis zu 1.600 Arbeitsplätze

18. September 2002, 16:59
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- Bund muss bei Hilfskredit in die Bresche springen - EU gibt Berlin 20 Tage für "genaue" Informationen zu Rettungsaktion

Die Rettung der angeschlagenen deutschen Telefonfirma MobilCom stößt auf immer neue Probleme. Wegen der andauernden Prüfung von Sicherheiten durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) muss die Bundesregierung nun doch für die geplante Soforthilfe von 50 Mill. Euro bürgen. Dies zwingt die Bundesregierung, die Hilfe entgegen erster Aussagen bei den EU-Wettbewerbshütern als mögliche Beihilfe anzumelden. Verschiedene Medien berichteten unterdessen, bei MobilCom sollten bis zu 1.600 der rund 5.500 Arbeitsplätze gestrichen werden - und damit mehr als erwartet.

"Für eine gewisse Zeit"

Die Regierung werde die Absicherung des 50 Millionen-Kredits "für eine gewisse Zeit" übernehmen, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Die KfW und die schleswig-holsteinische Landesbank sahen sich laut Regierung außer Stande, in so kurzer Zeit die Voraussetzungen und Sicherheiten für die Soforthilfe abschließend zu prüfen. Deshalb sei der Staat vorübergehend eingesprungen. Der Bund geht aber weiter davon aus, dass MobilCom letztlich ein Darlehen "nach banküblichen Kriterien" erhalten werde - also ohne Absicherung des Staates.

"Im Laufe des Tages

Die notwendige Anmeldung der staatlich verbürgten 50 Mill. Euro bei der EU-Kommission werde "im Laufe des Tages" erfolgen, hieß es im Bundesfinanzministerium. Dann werde Brüssel prüfen. "Gleichzeitig oder unmittelbar danach" könnten die 50 Millionen an MobilCom gezahlt werden, sagte eine Sprecherin. "Wir gehen nicht davon aus, dass es da Schwierigkeiten geben wird." Ein MobilCom-Sprecher kündigte an, das Unternehmen wolle die erste Tranche der Nothilfe "voraussichtlich in den nächsten Tagen" abrufen.

Die EU-Kommission hat der deutschen Regierung mittlerweile in einem Schreiben eine Frist von 20 Tagen für "genaue Informationen" über deren Pläne zur Unterstützung der insolvenzgefährdeten MobilCom gesetzt.

Gespräche, Vermittler, ...

Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) traf sich unterdessen erneut mit MobilCom-Vorstand Thorsten Grenz, um über das weitere Vorgehen gegenüber dem abtrünnigen Großaktionär France Telecom zu beraten. Die Bundesregierung will den französischen Konzern dazu bewegen, MobilCom weiter den milliardenteuren Aufbau seines UMTS-Mobilfunknetzes zu finanzieren. Dies lehnen die Franzosen, die der deutschen Firma am vergangenen Donnerstag jede weitere finanzielle Unterstützung aufgekündigt hatten, ab. Vermitteln soll der ehemalige Thyssen-Chef Dieter Vogel, der gleichfalls an dem Gespräch in Berlin teilnahm.

1.600 Stellen in Gefahr

Bis zum Nachmittag herrschte bei den MobilCom-Beschäftigten weiter Unsicherheit darüber, wie viele Stellen dem Sanierungsplan der Unternehmensführung zum Opfer fallen. Die "Financial Times Deutschland" berichtete, MobilCom wolle 130 Mill. Euro einsparen und dafür 800 Arbeitsplätze streichen. Teilweise wurden in Medien sogar noch höhere Zahlen von bis zu 1.600 genannt. MobilCom wollte dies nicht kommentieren.

Die Arbeitnehmervertreter hofften zunächst weiter, dass ein Stellenabbau ohne betriebsbedingte Kündigung über die Bühne gehen könne. Seit Jahresbeginn seien bei MobilCom rund 500 Arbeitsplätze weggefallen, ohne dass es zu Kündigungen gekommen sei, erklärte der örtliche IG-Metall-Geschäftsführer Kai Petersen in Rendsburg. "Es ist unser Ziel, dass das so bleibt." Am Nachmittag wolle der Vorstand die Gewerkschafter und Betriebsräte über das Restrukturierungskonzept informieren. "Ich glaube aber nicht, dass wir da negativ überrascht werden", sagte Petersen.

Interesse

An der Börse wurden die Chancen auf eine umfassende Rettung von MobilCom offenbar zunehmend schlechter eingeschätzt. Der Kurs der MobilCom-Aktie fiel in einem allgemein schlechten Börsenumfeld. Der Eschborner Konkurrent 3U erklärte, er sei bereit, das Festnetzgeschäft von MobilCom zu übernehmen. Der "FTD" zufolge verhandelt auch die MobilCom-Internettochter Freenet wieder über den Kauf des Festnetzgeschäfts.(APA/dpa/Reuters)

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